15.12.2019

Aus Misstrauen gegenüber dem Algorithmus

Die grossen, digitalen Musikdienste haben die Welt in ein enges Korsett aus Kommerz und Computerprogrammen gezwängt. Die ganze Welt? Nein: In der Schweiz regt sich Widerstand. «Norient Space» heisst das Projekt, das den Algorithmen der Grosskonzerne trotzen will. Dabei handelt es sich um eine Mischung aus Plattform und virtuellem Museum. «The Now in Sound» ist die Devise. Damit führt das Norient-Netzwerk seine langjährige Arbeit konsequent weiter und sucht bewusst das Experiment mit digitalen Formaten und Ästhetiken. Das Projekt kuratiert und inszeniert lokale und globale Musik transdisziplinär und multiperspektivisch und verhandelt damit zentrale Fragen der Zeit.

Vor fast 20 Jahren ist das renommierte Onlinemagazin «Norient» entstanden. Jetzt haben die Macher das Magazin eingestellt. An seine Stelle soll «Norient Space» treten, «The Now in Sound», eine Mischung aus virtueller Galerie und transdisziplinärer Community-Plattform für Projekte im Spannungsfeld von Kunst, Journalismus und Wissenschaft. «Auf dieser Plattform wollen wir unsere über viele Jahre gewachsene Community von über 700 Denker*innen und Künstler*innen aus 50 Ländern enger zusammenführen, Aufträge generieren, faire Honorare zahlen, und ihre Ideen für die Zukunft einer breiten Öffentlichkeit vorstellen», schreiben die Macher auf der Crowdfunding-Plattform Startnext, wo sie derzeit Geld sammeln für ihren Neustart.

Norient will sich also neu erfinden, gleichzeitig aber bleiben, was es immer war: ein wichtiges Sprachrohr für Musikszenen von Argentinien über Ghana bis Pakistan und sich auf diese Weise für eine offenere Welt einsetzen, jenseits von Eurozentrismus, Exotismus und Diskriminierung. Warum braucht es das in einer Zeit, in der Apple Music und Spotify im Sounduniversum so gut wie jedes Musikstück verfügbar machen? «Wir misstrauen den Algorithmen», sagt Mitinitiantin Sandra Passaro. Das neue Norient soll «politischer, tiefgründiger, verspielter und experimenteller werden – mehr Leute erreichen, mehr bewirken.»

Damit diese Vision möglich wird, suchen Sandra Passaro und Thomas Burkhalter weitere Gründungsmitglieder. «Nur gemeinsam, als Community-Plattform mit einer starken Trägerschaft, können wir Algorithmen und Filterblasen die Stirn bieten – und neue Geschichten erzählen, die auch Gehör finden», erklärt Thomas Burkhalter, der künstlerische Leiter von Norient.

Der Norient Space für DenkerInnen und KünstlerInnen aus allen Kontinenten soll zukunftsweisend und nachhaltig auf Publikationen und Projekte von anderen aufmerksam machen. Nutzerinnen und Nutzer finden online weltweit aktuelle Musik von Experiment, Club bis Pop, Klänge und Geräusche aus Städten, Natur und Fauna sowie Stimm-Samples von Menschen unterschiedlichster Provenienz.

Dabei geht es nie nur um den Klang an sich, sondern immer auch um künstlerische und gesellschaftliche Fragen: Was bedeutet es, in Pakistan politischen Rap zu machen? Was machen Noise-Cancelling-Kopfhörer mit uns? Ist Musik wirklich eine universelle Sprache? Wie spiegeln sich Kriegsgeräusche in Kompositionen?

Über Musik hinaus soll Norient Space eine Platform sein für alle, die mit Tönen über die Welt von heute berichten wollen. «Norient Space» promotet als Meta-Plattform auch Filme, Podcasts, Reportagen und Publikationen anderer und sucht dabei auch die Zusammenarbeit mit der wissenschaftlichen und künstlerischen Forschung, mit Universitäten, Kunsthochschulen, Journals und Symposien. «Norient Space» soll mit seinem Netzwerk die öffentliche Sichtbarkeit und Akzeptanz von Forschungsfeldern wie Musikethnologie, Popular Music Studies, Sound Studies, Digital Humanities, Postcolonial Studies und Artistic Research erhöhen.

Ein digitaler Traum – der aber nur zum Fliegen kommt, wenn genügend Menschen ihn teilen und bereit sind, den Traum finanziell zu unterstützen. Das Ziel von Norient ist es, über die laufende Crowdfunding-Kampagne bis Ende Januar einen Unterstützungsbeitrag in der Höhe von 100’000 Euro zu erzielen. Sollte die Kampagne nicht ganz so erfolgreich sein, muss das Projekt redimensioniert werden. Migros Kulturprozent, das auch Digital Brainstorming finanziert, hat das Projekt bereits mit einem Beitrag von 15’000 Franken unterstützt.

https://www.startnext.com/de/norient



Publiziert von Mathias Zehnder am 15.12.2019 10:52 in Hören, Mitmachen


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