18.03.2019

Musik: Die Zukunft gehört dem Streaming…Aber!

CD und Download sind von gestern.Die Zukunft gehört dem Streaming. Das zeigen die neusten Zahlen des Schweizer Musikmarkts. Streaming ist praktisch hat aber einen grossen Nachteil – die Daten sind nicht mehr beim User!

Als die Ingenieure des Fraunhofer-Institutes in Bonn im Jahr 1987 das Format mp3 zum Komprimieren und Speichern von Musikdaten erfanden, ahnten sie kaum, dass ihre Erfindung einmal den Musikmarkt auf den Kopf stellen würde. Es dauerte allerdings noch über ein Jahrzehnt, bis die Internetleitungen stark genug waren, um damit auch Audiodaten zu transportieren. Dann begann der Download-Boom und mit ihm die Piraterie, die besonders bei Jugendlichen gepflegt wurde: Kein Wunder, gabs doch plötzlich Musik umsonst.

Mittlerweile hat sich die Aufregung gelegt. Von Downloads spricht man heute kaum mehr, so ist es der CD gegangen, die allerdings gerade im Rock-Segment ihren Platz behaupten konnte. Dem Streaming gehört die Zukunft: Man lädt die Songs nicht mehr auf seine Harddisk oder seinen Player, man erwirbt sich das Recht, die Musik während eines bestimmten Zeitraums zu hören. Die neusten Zahlen der IFPI sind deutlich: Das Streaming ist ein Wachstumsmotor im Schweizer Tonträgermarkt, der 2018 einen Gesamtumsatz von 170 Mio Franken erzielte, das ist 3.7 Prozent mehr als im Vorjahr. Interessant: Der Grossteil des Publikums nutzt einen so genannten Premium Channel, das heisst sie bezahlen eine Monatsgebühr. Gratis wäre ein werbefinanziertes Modell, bei dem sich die Hörer alle paar Minuten einen Werbespot anhören müssen.

Ungeklärt ist das Verhältnis zur Videoplattform YouTube: YouToube gehört zu den grössten Anbietern von Musik – Google lässt sich aber in keine Lizenzdiskussionen ein. Konkret: In der Schweiz gibt es zwar einen Deal zwischen der Suisa und Youtube, die Branche möchte aber mehr als das: ein richtiges Lizenzierungsmodell. Anders sieht es beim neuen Bezahl-Dienst von YouTube aus, hier werden offenbar Lizenzgebühren entrichtet.

Die IFPI Schweiz ist der Branchenverband der Musiklabels (Ton- und Tonbildträgerhersteller) und vertritt nach eigenen Angaben 90 Prozent der Branche.

Streaming ist besonders bei den Jugendlichen angesagt. Zu diesem  Schluss kommt auch die aktuelle James-Studie: Ein Drittel der Jugendlichen in der Schweiz verfügt über ein Video- und Musik-Streaming-Abo von Netflix, Spotify & Co. Diese Studie, die von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW und der Swisscom seit 2010 alle zwei Jahre gemacht wird, widmet sich dem Medienverhalten von Jugendlichen.

Trends sind im Digitalzeitalter schnell – wer etwas über die Geschichte erfahren wird, wird beim Aufsatz von Gleb Albert im Online Magazin „Geschichte der Gegenwart“ fündig. Der Autor beschreibt in seinem Aufsatz das Ende der Kopier-Sub-Kultur:

„Der Kampf der Internet-NutzerInnen und ihrer Inter­es­sen­ver­bände – Klagen gegen Face­book, Kampa­gnen gegen Vorrats­da­ten­spei­che­rung und für rich­tige Privacy-Einstellungen – ist in vollem Gange und von größter Wich­tig­keit. Darüber vergessen wir aller­dings einen anderen, ähnlich gela­gerten Kampf, dessen Fronten jedoch viel verschwom­mener sind und bei dem die Eintei­lung in die „Guten“ und „Bösen“ viel unein­deu­tiger ist. Dieser Kampf ist älter als die Geschichte der sozialen Medien und des World Wide Web. Nachdem er über 30 Jahre lang die Öffent­lich­keit immer wieder aufge­wühlt hatte, ist er nun, weit­ge­hend unbe­merkt, beendet worden, und zwar zu Ungunsten der Nutze­rInnen: Der Kampf um die Digi­tal­kopie“.

Gleb Albert: Don’t copy that floppy“: Ein Nachruf auf die Digi­tal­kopie. In: Geschichte der Gegenwart. 20.Februar 2019. Online

Und jetzt zum Kleingedruckten – Streaming hat auch Nachteile!

Streaming ist nicht dasselbe wie Download. Gehören beim Download die Daten dem User, so bleiben beim Streaming die Daten beim Anbieter. So einfach ist das aber nicht, sagt uns der Informatiker Hartwig Thomas. Er schreibt:

„Bei Streaming habe ich die Datei auf meiner Festplatte. Sie wird nur nachher wieder gelöscht. Es gibt ausserdem viele sehr schöne Streaming-Download-Programme und -Services, die das persistente Abspeichern von Streaming-Inhalten ermöglichen und deren Bedienung nicht aufwendiger ist als das Initiieren eines Downloads.

Die Unterscheidung von Streaming und Download ist eine Fiktion von Juristen, die alles gerne komplizierter machen als es ist, und von technisch bescheiden informierten Kulturfunktionären. (Die Musiker selbst wissen schon lange, dass es dasselbe ist und nutzen die Downloadmöglichkeit eifrig.) Im Moment, wo ein Streaming-Inhalt auf meinem Gerät gelandet ist, gehört er zu meinem Bit-Eigentum und ich kann ihn natürlich auch als Datei abspeichern.

https://contralatrones.ch/artikel/biteigentum/

Die Fiktion mit dem „Ausleihen“ ist eben auch nur ein juristisches Verwedeln. Auch wenn ich etwas gemietet habe, habe ich viele Eigentumsrechte daran. Und es gibt keinen einzigen Streamingvertrag, wo ich mich verpflichte, die Inhalte nicht abzuspeichern. (Früher konnte ich auch meine Lieblingsplatte hundertmal abspielen, ohne jedesmal neu dafür zu bezahlen. Denn Konsum ist straffrei.)

Wir gehen mit dieser Info zum Internet-Experten Martin Steiger. Er ist Rechtsanwalt, er kennt das Innenleben der Digitalisierung und seine Spezialität sind Fragen des Urheberrechts. Er schreibt dazu:

„Die Zukunft gehört – aus heutiger Sicht – dem Streaming. Diese Zukunft bedeutet aus meiner Sicht eindeutig, dass man Inhalte nicht mehr selbst kontrolliert (oder kontrollieren kann), sondern davon abhängig ist, dass sie online verfügbar bleiben, wovon man langfristig leider nicht ausgehen kann.

Technisch funktioniert Streaming selbstverständlich nicht ohne Download. Musikdateien werden ganz oder teilweise für beschränkte Zeit gespeichert. Die Kontrolle liegt aber beim Streaming-Anbieter und nicht beim Musik-Konsumenten. So kommt es bei Streaming-Diensten ständig vor, dass einzelne Musikstücke oder auch ganze Musikalben plötzlich nicht mehr verfügbar sind. Pech gehabt!“

Soweit Martin Steiger. Was tun? Weiter streamen, aber vielleicht müsste man anfangen, die Lieblingsmusik auf einer HD zu bunkern. Legal wäre es. Das Recht auf Privatkopie gilt meines Wissens – noch?

 

 

 

 



Publiziert von Dominik Landwehr am 18.03.2019 10:54 in Hören, Lesen, Nachdenken


Keywords: [Jugendliche] [Urheberrecht] [Video]


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