03.12.2018

Digitale Zwillinge in Archiv und Museum

Die Diskussion um die Potentiale von Virtual Reality und Augmented Reality gewinnt an Fahrt. Das zeigt eine Tagung, die anfangs November 2018 im Berlin stattfand. Thema: Digital Twins. Knapp ein Monat nach Ende liegt bereits ein umfangreicher Tagungsband vor – natürlich elektronisch. Wir haben darin geblättert

Die „Große Synagoge Glockengasse“ in Köln wurde am 10. November 1938 bis auf die Grundmauern zerstört. Bild: FG Digitales Gestalten / TU Darmstadt

Seit über 20 Jahre sind die so genannten Gedächtnisinstitutionen daran ihre Bestände zu digitalisieren – das sind Bibliotheken, Museen und Archive. Was passiert mit den Daten? – Bis vor kurzem sprach man in diesem Kontext pauschal von Digital Humanities und meinte in der Regel die Anwendung von quantitativen Methoden im Feld der Humanwissenschaften. Mit der Digitalisierung von Bildern und Plänen wird immer mehr klar, dass die Anwendungsmöglichkeiten weit darüber hinausreichen und für Forschung aber auch Vermittlung neue Chancen eröffnen.

Schlüsselbegriff der Tagung war der so genannte Digital Zwilling – Digital Twin. Der Begriff wird in der Industrie für eine umfassende digitale Simulation von komplexen Anlagen benutzt: Das kann eine Fabrik, das kann ein Flugzeug, eine Software oder nur ein Algorithmus sein. Im Bereich der Kultur ist der digitale Zwilling etwas Ähnliches – er steht für die Summe der digitalen Daten, die etwa für ein einzelnes Objekt zur Verfügung stehen und damit ganz neue Perspektiven für Forschung und Entwicklung ermöglichen.

Als Beispiel dafür mag das Projekt der TU-Darmstadt gelten: Seit rund 25 Jahren beschäftigt man sich hier mit der digitalen Rekonstruktion von Synagogen, die in der Nazizeit zerstört wurden. In diesen Jahren entstanden umfangreiche Datenmodelle. Zunächst wurden die 3D-Modelle mit einfachen zweidimensionalen Illustrationen sichbar gemacht, dazu gehören auch kleine Filme. Seit kurzem ist es nun möglich, diese Datenmodelle mit Virtual Reality sozusagen begehbar zu machen: „Die technische Entwicklung der letzten zwei bis drei Jahre hat und nun ganz neue Instrumente zur Hand gegeben“, erklärt Marc Grellert. Ein skizziert seine Ideen im eben erschienen Sammelband.

Diese mächtigen Visualisierungsinstrumente haben aber auch ihre Tücken: Sie erzeugen eine Illusion des Wissens, sie decken blinde Flecken zu. Etwas Ähnliches geschieht in modernen Naturkundemuseen: Hier finden sich nicht selten aufwendig inszenierte Darstellungen von prähistorischen Szenen zum Beispiel neolithische Siedlungen mit Menschen und Tieren mitten in einer urzeitlichen Landschaft. Hat das in dieser Form wirklich existiert? Man weiss es nicht, es ist eine Ännäherung oder eine „educated guess“ wie man im angelsächsischen Raum sagt.

Vereinfacht könnte man sagen: Je bunter die Bilder der Vergangenheit desto kritischer sollte der Benutzer werden.

Nachlesen kann man das im Konferenzband: Electronic Media and Visual Arts / Elektronische Medien und Kunst – Kultur – Historie: Eva Berlin 2018.

Tagungsprogramm und Dokumentation



Publiziert von Dominik Landwehr am 03.12.2018 16:52 in Lesen, Mitmachen, Nachdenken, Sehen, Uncategorized




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