06.11.2018

100 Jahre Radiokunst – Begehbares Radioarchiv in Basel und Berlin

Das Radio hat die Hörgewohnheiten der Menschheit radikal verändert. Die interaktive Ausstellung «Radiophonic Spaces» in Tinguelymuseum Basel und dem Haus der Kulturen der Welt Berlin erforscht die Geschichte und Ästhetik der Radiophonie.

Soundperformance des türkischen Künstlers Cevdet Erek während der Ausstellungseröffnung «Radiophonic Spaces» in Berlin. Bild © Philipp Bürkler

Wie schon so oft in der Technikgeschichte wird Technologie am Ende für andere Zwecke gebraucht, als dass sie ursprünglich vorgesehen war. So geschehen auch beim Radio. Der italienische Radiopionier und Militarist Guglielmo Marconi hegt gegen Ende des 19. Jahrhunderts grosse Pläne. Er will die Nachrichtenübermittlung beim Militär verbessern. Kabellos und direkt soll die menschliche Stimme Befehle ins Schlachtfeld zu den Soldaten bringen. 1895 testet er seine Erfindung in den Schweizer Alpen über eine Strecke von anderthalb Kilometern und sendet erste Funksignale. 1901 sendet er bereits über den Atlantik. Wenige Jahre später gründet der Italiener die Marconi-Company und baut das sogenannte «Marconigerät», die Urform des Radios.

Besucherin im Haus der Kulturen der Welt in der Ausstellung «Radiophonic Spaces». Bild © Timur Alexander El Rafie / HKW

Bereits ab 1906 wird Marconis Erfindung erstmals für Unterhaltungszwecke «zweckentfremdet». Marconi hat nämlich überhaupt kein Interesse am Unterhaltungsradio das Musik sendet. Für ihn steht eine rein militärische Nutzung im Zentrum. Der eigentliche Durchbruch des Konzepts der Unterhaltung gelingt dem Radio aber dennoch. Nach dem Ersten Weltkrieg. Vor genau 100 Jahren also. Es war die Zeit, als auch die Kunst das Medium Radio entdeckte.

Es waren Schriftsteller, bildende Künstler, Poeten und Filmemacher, die damals mit dem Radio experimentierten. Zu Beginn nennt sich die Kunstform noch «Funkoper», «Hörbild» oder akustischer Film. Für die Menschen der damaligen Zeit – als im Film eben erst die Bilder laufen lernten – ist es noch gewöhnungsbedürftig, die Stimme eines Menschen in einem Raum zu hören, der physisch nicht anwesend ist.

Unter dem Titel «Radiophonic Spaces», haben das Tinguelymuseum Basel und das Haus der Kulturen der Welt in Berlin unter der Leitung von Nathalie Singer, Professorin für experimentelles Radio an der Bauhaus-Universität in Weimar, 210 Radiokunstwerke der vergangenen 100 Jahre aus insgesamt 60 Radioarchiven in ganz Europa zusammengetragen.

Die Werke sind nun in einer Art begehbarem Radioarchiv hör- und erlebbar. Besucherinnen und Besucher können mit Kopfhörern an verschiedenen Stationen im Raum die Beiträge hören. Die historischen Werke stammen unter anderem aus den Radioarchiven der ARD und SRF sowie zahlreichen anderen Sendeanstalten in Europa.

Das aufwändigste, um die Ausstellung zu gestalten,  sei vor allem die Abklärung Rechte der Beiträge und Werke gewesen, sagt Singer. Eine weitere Herausforderung sei auch die Vielfalt von Radiokunst sowie die unterschiedliche Wahrnehmung in der Wissenschaft. «Radiokunst ist interdisziplinär», sagt die Professorin. Einerseits habe sie mit Literatur, andererseits aber auch mit bildender Kunst, Lautpoesie und Musik zu tun. Die Wissenschaft sei sich nicht ganz einig, ob es sich nun um Medienwissenschaft oder Literaturwissenschaft handle.

Um mehr Klarheit in die Wissenschaft zu bringen und das Thema Radiokunst einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wird in der Ausstellung auch die Forschung der vergangenen Jahre präsentiert. «Wir haben uns mit Radioforschern und Radiokünstlern zusammengetan und uns überlegt, wie hat sich das Medium seit den Anfängen, als es als Begleitmedium startete, über die Einführung der Bandmaschine bis zur heutigen Digitalisierung verändert?» An Touchscreens können Besucherinnen und Besucher diese Forschung nachvollziehen.

Kunst- und Gesangsperformance der Künstlergruppe Phonix16 während der Ausstellungseröffnung in Berlin. Premiere von «I saw the world collapse and it was only a word.» Bild © Philipp Bürkler

Während die Pioniertage des Radios noch voller Rauschen und Knacken waren, ist das Radio in der digitalen Form heute glasklar und störungsfrei. Dies hat wiederum Künstler in Grossbritannien im Frühling 2018 dazu inspiriert, anhand von Algorithmen die Rede von US-Präsident John F. Kennedy, die er eigentlich am Abend des 22. Novembers 1963 in Dallas hätte halten sollen, wäre er nicht wenige Stunden zuvor ermordet worden, zu rekonstruieren. Anhand des schriftlichen Manuskripts und 831 Aufnahmen anderer Reden und Interviews von Kennedy, konnten die Wissenschaftler und Künstler mit den insgesamt 116 777 Sound-Samples die 20-minütige Rede mit 2590 Wörtern rekonstruieren. Ein schönes Beispiel das zeigt, was mit neusten digitalen Technologien und Algorithmen im Audiobereich heute alles möglich ist.

Die Ausstellung in Basel und Berlin macht auch die aktuelle Ironie des Radios sichtbar. Nämlich das Verschwinden des Mediums Radio zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Das Radio verschwindet in seiner konventionellen Form genau jetzt, wo es in seiner Kunstform von Künstlern und Wissenschaftlern wieder entdeckt und neu interpretiert wird.

Ausstellung: «Radiophonic Spaces» im HKW, Haus der Kulturen der Wet in Berlin noch bis 10. Dezember 2018.

Ausstellung: «Radiophonc Spaces» im Tinguleymuseum Basel noch bis 27. Januar 2019.



Publiziert von Philipp Bürkler am 06.11.2018 13:54 in Hingehen, Hören




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