18.10.2018

Wie kann digitale Kunst langfristig haltbar gemacht werden?

Die Konservierung von digitaler Kunst ist aufwendig und teuer. Nicht alle Künstlerinnen und Künstler sowie Museen mit digitalen Sammlungen sind sich der Thematik bewusst. Wir stellen vier Konservierungsstrategien für digitale Kunst vor.

We were looking for ourselves in each other (2015) von Medienkünstlerin Mélodie Mouss (HeK Basel)

Traditionelle Kunstwerke wie Gemälde oder Bronzeskulpturen überdauern bei guter Lagerung Hunderte oder sogar Tausende von Jahren. Immerhin können wir in Museen noch heute über 500 Jahre alte Gemälde von Michelangelo oder Leonardo da Vinci betrachten. Verschiedene noch erhaltene Höhlenmalereien werden sogar auf ein Alter von meheren Zehntausendjahren datiert.

Was aber ist mit digitaler Gegenwartskunst zu Beginn des 21. Jahrhunderts? Wird auch sie in einigen Jahrzehnten oder Jahrhunderten noch existieren? Was heisst hier Jahrhunderte? Speicherformate wechseln heute alle paar Jahre und Computer-Hardware veraltet ebenfalls in einem rasanten Tempo. Neuste Computer verfügen nicht einmal mehr über ein CD-Rom-Laufwerk, ein Speicherformat, das bis vor wenigen Jahren weltweit verbreitet war. Künstlerinnen und Künstler, die ihre Arbeiten auf einer CD gespeichert haben, werden schon bald Mühe haben, ihre Werke auch künftig noch abspielen zu können.

Konfrontiert mit der Problematik von obsoleter Technik, ständig ändernden Speicherformaten und der Frage, wie digitale Kunstwerke langfristig haltbar bleiben, sind neben Bibliotheken vor allem Kunstschaffende und Museen. «Digitale Kunstwerke aufzubewahren ist sehr teuer und zeitintensiv», sagt die Schweizer Medienarchäologin Claudia Röck. Sie arbeitet unter anderen für das Haus der elektronischen Künste in Basel sowie die Tate Gallery in London. Kostenintensiv deshalb, weil Künstlerinnen, Archivare und Museumsverantwortliche regelmässig die Qualität der gespeicherten Daten überprüfen müssen.

Technisch gibt es vier Möglichkeiten, digitale Kunstwerke langfristig haltbar zu machen.

Die erste Strategie nennt sich «Bit-Preservation». «Hier kopiert man eins zu eins, Bit für Bit, und ohne Qualitätsverlust die Daten auf eine andere Festplatte», erklärt die Medienarchäologin.

Die zweite Möglichkeit besteht in der Emulation, also dem Nachbau alter Hardware als reine Software. Weit verbreitet ist Emulation bei Musikern, die so beispielsweise auf Klänge alter analoger Synthesizer zugreifen können, ohne die Geräte physisch zu besitzen. «Jede Hardware kann als Software wiedergegeben werden», so Röck.

Eine dritte Strategie ist die sogenannte Migration. «Hier updated man die Daten auf ein neues Betriebssystem, oder man gibt die Software in einer anderen Programmiersprache wieder.» Dieser aufwendige Vorgang bedeute jedoch, dass ein Werk später nicht mehr exakt so wiedergegeben werden könne, wie ursprünglich vom Künstler oder der Künstlerin beabsichtigt, weil sich Hard- und Software veränderten. «Je nach Veränderung ist es für das Werk akzeptabel oder nicht», erklärt Röck.

Als vierte Möglichkeit gibt es die Lagerungsstrategie. Hier bewahrt man den Originalcomputer in einem Regal auf und hofft, dass dieser auch in einigen Jahren noch funktioniert. Diese variante mach Sinn, wenn ein Werk auch nach Jahren identisch gezeigt werden soll, beispielsweise auf einem alten Röhrenmonitor.

Neben den Erhaltungsstrategien wird auch die quantitative Menge von digitaler Kunst zunehmend zum Problem. Medienkünstlerinnen und Netzkünstler produzieren ununterbrochen neue Werke. Obwohl die Menge steigt, ist das Wissen um die Pflege jedoch noch spärlich.

«Das Bewusstsein bei Künstlerinnen und Künstlern über die Konservierung und Pflege digitaler Werke ist sehr unterschiedlich», stellt Claudia Röck fest. Sie wünscht sich, dass nicht nur in der Fachwelt, sondern auch gesellschaftlich und auf politischer Ebene eine breitere Diskussion in Gang kommt, die sich dem Thema annimt.

Auch mangelndes Know-How und fehlende Infrastruktur für Erhaltungsstrategien bei Künstlern und Institutionen seien ein Problem. Tatsächlich gibt es in der Schweiz erst zwei Institutionen, die sich um die Konservierung und Erhaltung digitaler Kunstwerke kümmern: Das Haus der elektronischen Künste in Basel, welches Ende Monat 20 Jahre Medienkunst in der Schweiz feiert, und das Atelier für Videokonservierung in Bern.

Weltweit führend sind die drei New Yorker Institutionen Museum of Modern Art, Guggenheim und Rhizome sowie das SFMOMA in San Fransisco. In Europa sind es die Tate Gallery in London sowie das Lima in Amsterdam.



Publiziert von Philipp Bürkler am 18.10.2018 12:40 in Nachdenken


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