16.07.2018

Körperlose Kunst

Die elektronische Musik ist eine Männerdomäne. Warum das (noch immer) so ist, hinterfragt die Kulturjournalistin Katherine Beyer aktuellen Musikmagazin «dissonance» und zeigt: Das Bewusstsein dafür ist noch erstaunlich dünn.

Frauen sind in der Musikszene ganz allgemein untervertreten, sei es im Rock, Hip-Hop oder im klassischen Orchester. Ganz besonders tief ist die Frauenpräsenz in der elektronischen Musik, und gerade weil diese «ähnlich wie die Neue Musik für sich beansprucht, ein zukunftsorientierter, visionärer und experimentierfreudiger Raum zu sein, darf man mit ihr auch hart ins Gericht gehen».

Diese Bemerkung setzt Kulturjournalistin Katherine Beyer an den Anfang ihres Artikels «Männerdomäne elektronische Musik – eine Inventur» und liefert folgerichtig eine kritische Auseinandersetzung mit dem elektronischen Musikbetrieb. (Im Fokus vor allem das Gebiet der Klangkunst und Soundperformance, weniger das DJing.)

Beyer stellt fest, dass sich männliche Netzwerke an Hochschulen, an Festivals und in der freien Szene perpetuieren und wie sie männlich dominierte Besetzungen fördern. Sie räumt mit dem Klischee der fehlenden weiblichen Technik-Affinität auf und verweist auf die besonders stark exponierte Position der wenigen weiblichen Künstlerinnen.

All dies sind Vorgänge, die wir – leider – auch aus vielen anderen gesellschaftlichen und beruflichen Feldern kennen. Besonders spannend ist daher ihr Fokus auf den inhaltlichen Aspekt: Beyer identifiziert die elektronische Musik als eine «körperlose Kunst», die also eine männliche sein müsse. Feministische Zugänge in der elektronischen Musik dagegen würden den Körper bewusst in ihr Werk miteinbeziehen.

Was sie nicht erklärt: Warum eigentlich? Wäre eine körperlose Kunst aus weiblicher Sicht nicht eben eine Chance, das Thema Körper für einmal los zu sein? Katherine Beyer greift in ihrem Artikel ein nahezu unbeachtetes Thema auf und liefert einen aufschlussreichen Einblick in die «Männerdomäne elektronische Musik». Hier kann man ihren Text als PDF downloaden.

Das wissenschaftliche Musikmagazin «dissonance» erscheint vierteljährlich. Bis Ende 2017 wurde sie vom Schweizerischen Tonkünstlerverein STV herausgegeben. Seit dessen Auflösung Anfang 2018 wird das Magazin vom Verein Dissonance getragen und auf Basis von Abonnements finanziert. Infos zur Publikation gibt es hier.



Publiziert von Martina Kammermann am 16.07.2018 15:54 in Lesen, Nachdenken


Keywords: [Elektronische Musik] [Gesellschaft]


Ausserdem