20.04.2018

«PR-Büros sind die Feinde der Historiker»

Wie hat die ETH das Swissair-Bildarchiv digitalisiert? Warum machen PR-Büros Historikern das Leben schwer? Und wie sieht die Zukunft von Archiven aus? Solche und ähnliche Fragen diskutierte ein Panel im Rahmen des Workshops GLAM-on-Tour, der von Wikimedia Schweiz und dem Migros-Kulturprozent organisiert wurde.

 

Absolventinnen eines Hostessenkurses vor der Boeing B747-257, HB-IGA «Genève» in Zürich-Kloten, 1971

Archive sind wichtig für Forschung, Journalismus und generell als Erinnerungsstätten für unsere Gesellschaft. Ohne Archive wäre es viel schwieriger die Vergangenheit zu rekonstruieren.

Gleichzeitig müssen Archive auch Gegenstände und Daten, analoge wie digitale, unserer Gegenwart für künftige Generationen aufbewahren und zugänglich machen. Der Migros-Genossenschafts-Bund MGB betreibt beispielsweise ein Firmenarchiv, in dem Akten sowie dreidimensionale Gegenstände von Verpackungen aus verschiedenen Jahrzehnten bis zum ersten Einkaufswagen aus den 1960er-Jahren gesammelt werden. Oder beispielsweise auch Fotos, die die Entwicklung des Detailhandels dokumentieren. «Wir haben in unserem Archiv mittlerweile 130 000 Fotos und 3000 Filme, die über das Internet abrufbar sind», sagt Sabine Moser-Schlür, Leiterin des MGB-Archivs und eine der Teilnehmerinnen des Podiums.

Ulrich Lantermann, Regula Bochsler, Stefan Wiederkehr, Sabine Moser-Schlür und Dominik Landwehr (v.l)

Alles kann jedoch nicht gesammelt und aufbewahrt werden, gerade bei dreidimensionalen Objekten würde das den Rahmen der Archivfläche sprengen. Aufbewahrt wird deshalb nur, was für zukünftige Generationen als relevant betrachtet wird. «Wir haben eine Checkliste für die Archivwürdigkeit.» Wobei sich natürlich die Frage stellt, wie kann man heute wissen, was für Forschende in Zukunft relevant sein wird?

Ein weiteres Problem ist, vor allem bei Fotos, der Mangel an Metadaten. Wenn Archive also  nicht wissen, wer oder was beispielsweise auf einem Foto zu sehen ist. Stefan Wiederkehr von den Sammlungen und Archiven der ETH setzt mit seinem Team auf Crowd-Sourcing. Nach dem Swissair-Grounding durfte die ETH das gesamte Bildarchiv der pleite gegangenen Airline übernehmen. Zehntausende Fotos von den Anfängen der Swissair bis zu ihrem Untergang 2001. «Das ist ein wahnsinnig wertvoller und interessanter Fotobestand», sagt Wiederkehr.

Das Problem: Die beschriebenen Daten sind sehr rudimentär. Mit Hilfe der Community, also mit pensionierten Swissair-Mitarbeitern oder ehemaligen Angestellten, konnten die Fotos zeitlich und kontextuell eingeordnet werden. Wöchentlich veröffentlicht die ETH einige Fotos im Netz, die dann von der Community mit Metadaten beschrieben werden. «Jetzt haben wir für 40 000 Bilder ganz präzise Daten.» Stand vorher beispielsweise auf einem Foto lediglich «Flughafen Genf, 50er Jahre», so hätte die Community nun das Foto mit dem genauen Jahr der Aufnahme, dem Flugzeugtyp und der Immatrikulationsnummer des Flugzeugs versehen, so Wiederkehr.

Als Reisen noch bequem war. Aufnahme aus dem ETH-Archiv. Swissair-Passagiere in der «First Class» im Jahr 1981.

Mit auf dem Podium war auch Regula Bochsler, Historikerin und Künstlerin. Als Forscherin in Archiven ist es für sie enorm wichtig, Zugang zu haben zu den Archiven. Gerade bei Firmenarchiven sei das teilweise problematisch. Vor allem PR-Büros von Grossunternehmen erschwerten ihr die Arbeit. «PR-Büros sind die Feinde von Historikerinnen und Historikern.» Der Grund: PR-Abteilungen von Unternehmen wollen nicht nur den Zugang zu ihren eigenen Archiven kontrollieren, sondern auch darüber entscheiden, was schlussendlich veröffentlicht wird. Für eine unabhängige und kritische Historikerin wie Regula Bochsler ein Hindernis. «Gleichzeitig bin ich abhängig, dass ich in diese Archive überhaupt hineinkomme. Teilweise erhält man nur Zugang zu einem sehr ausgewählten Teil des Archivs. Man weiss dann nicht, was es sonst noch gibt zur Fragestellung, die einen umtreibt.»

Für die Öffnung von Archiven plädierte auch Ulrich Lantermann, Community-Beauftrager von Wikimedia Schweiz. «Bei Wikipedia wollen wir den freien Zugang für die gesamte Gesellschaft ermöglichen und Wissen nicht nur einer Elite zugänglich machen.» Daten und Gegenstände in einem Archiv aufzubewahren, sei schön und gut, solange die Archive aber nicht öffentlich zugänglich seien, nütze das aufbewahrte Wissen nicht viel. Die breite Öffnung von Archiven sei eine Diskussion, die sogar bei Archiven selbst teilweise noch nicht geführt werde. «In vielen Archiven ist dieses Bewusstsein noch gar nicht vorgedrungen, dass es eine Verpflichtung für diese Häuser ist.»

Hier geht es zum integralen Podcast der Podiumsdiskussion.



Publiziert von Philipp Bürkler am 20.04.2018 14:48 in Hören, Mitmachen, Uncategorized


Keywords: [GLAM] [Gesellschaft] [Wikipedia]


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