17.03.2018

Open Access: Noch keine Patentlösung

Schweizer Hochschulen zahlen Millionen für wissenschaftliche Publikationen – der Steuerzahler wird also zweimal zur Kasse gebeten, nachdem er schon für die Forschung bezahlt hat. Open Access heisst das Rezept der Bildungspolitik gegen diese Misere in der Schweiz und auch in der EU. Nun zeigt sich: Das ist kein Patentrezept

Open Access heisst freier Zugang für alle – die Idee von offenen Daten, Programmen, Informationen hat in der digitalen Welt seit den Frühzeiten der Digitalisierung Anhänger: Open Source, Open Data, Open Culture sind Stichworte dazu. Bei Open Access geht es um die Welt der wissenschaftlichen Publikationen. Eine Welt, die nicht im Zentrum der Öffentlichkeit steht und deshalb hat auch die Kontroverse darum noch keine grossen Wellen geworfen.

Im Grundsatz sind sich alle einig: Forschungseinrichtungen sind heute gezwungen, Riesensummen für Abonnemente von wissenschaftlichen Publikationen auszugeben – das Marktvolumen wird weltweit auf gegen 8 Milliarden Euros geschätzt, für die Schweiz geht Swissuniversities von 70 Millionen Franken aus. Der Markt wird von ein paar ganz wenigen Anbietern dominiert. Sie heissen Elsevier, Wiley, Springer. Die renommierte Fachzeitschrift Nature zum Beispiel ist in den Händen von Springer. Die Verlage haben im Lauf der letzten zwanzig Jahre fast alle relevanten Zeitschriften aufgekauft und das sind mehrere tausend. In mehreren Fällen haben sie auch neue Zeitschriften gegründet. Diese Anbieter üben de facto ein Monopol aus und zwingen ihren Kunden Jahr für Jahr saftige Preiserhöhungen auf, die in der Regel bezahlt werden. Dies geht auf Kosten der Steuerzahler.

Die Problematik ist seit Jahren bekannt – seit einigen Jahren erhofft man sich nun mit dem Prinzip Open Access ein Mittel gegen diesen Missstand gefunden zu haben: Man verpflichtet die Wissenschaftler in Zukunft ihre Forschungsresultate in einer Open Access Zeitschrift zu veröffentlichen. Solche Zeitschriften gibt es haufenweise. Open Access ist seit kurzem auch Standard in der Schweizer Bildungspolitik: Der Schweizer Nationalfonds zum Beispiel knüpft die Unterstützung für seine Forschungsfinanzierung an eine Publikation in einer Open Access Zeitschrift. Swissuniversities, die Dachorganisation der Schweizer Hochschulen, hat hat seit kurzem eine offizielle Open Access Policy.  Sie ist damit auf der offiziellen Linie der EU Forschungspolitik. Open Access heisst primär, dass Leserinnen und Leser keine Abogebühren zahlen müssen und das erscheint auf den ersten Blick auch attraktiv.

So weit so gut. Nur scheint die Umsetzung alles andere als einfach zu sein: Der ETH Wissenschaftsforscher Michael Hagner hat in seinem im Februar 2018 publizierten Text  – übrigens als Open Access publiziert  – die Problematik ausführlich dargelegt.  In seinem Artikel bezeichnet er die Ideen von Open Access als „Narrative“, etwas salopp könnte man das mit einem frommen Wunsch übersetzen. Die Grundidee ist gut, die Umsetzung schwierig, das Feld komplex.

„Put in the most basic terms: as a business model of academic capitalism, OA is already a reality; as a programme for bringing together the human race in intellectual dialogue and a common quest for knowledge, it remains a utopia.”

Die Open Access Politik, wie sie in der Schweiz und in der EU verfolgt wird, hat zu einer Reihe von wenig erwünschten Nebenwirkungen geführt. So ist die Zahl der Open Access Publikationen sprunghaft angestiegen. Der Grund ist einfach: Beim Open Access Prinzip bezahlen nicht mehr Leserinnen und Leser, sondern Autorinnen und Autoren. Eine Qualitätsprüfung findet nicht mehr zwingend statt. Das führt zu einer Inflation von Anbietern, denn jeder möchte hier gerne sein Geschäft machen. Im Fachjargon spricht man von „predatory publishers“ oder „pseudo-journals“; die Unterscheidung zwischen seriösen und unseriösen Anbietern ist offenbar auch für Wissenschafts-Profis nicht immer einfach.

Auf der anderen Seite ist der Wunsch nach Open Access Publikationen auch nicht spurlos an den grossen Anbietern wie Elsevier, Springer und Wiley vorbeigegangen: Auch sie bieten nun in ihren Zeitschriften Open Access Modelle an. Dabei wird einfach das Geschäftsmodell umgedreht: Bezahlen müssen nicht mehr die Abonnenten sondern die Absender, in diesem Fall die Autoren. Das sind die Universitäten und Forschungsinstitutionen. Kein Problem in Ländern wie der Schweiz oder Deutschland, wo genügend Geld vorhanden ist. Was aber, so fragt Hagner ist mit Ländern, die das Geld dafür nicht haben? – Trotz gut finanzierter Forschung ist es allerdings auch in der Schweiz gegenwärtig unklar, wer für die Kosten dieser Publikationen aufkommen soll: Die Autoren, die Hochschulinstitute, die Bibliotheken oder gar der Bund?  Bei solchen Open Access publizierten Papers in renommierten Verlagen hat dann tatsächlich das Publikum gratis Zugang; damit erfüllen die Forscher die Auflagen, die ihnen zum Beispiel der Schweizerische Nationalfonds stellt. Hier gibt es Fördergelder nur noch unter der Bedingung, dass Resultate Open Access publiziert werden. 

Es gibt schliesslich in vielen Fachgebieten auch eigene, selbst verwaltete Open Access Journals: Es sind noch schwache Pflänzchen, dessen Überleben nicht sicher ist. Wer als Wissenschaftler Erfolg haben will muss in so genannten High Impact Journals publizieren. Hier sitzen die grossen Verlage wieder am längeren Hebel, egal ob mit oder ohne Open Access. Die Aussicht, dass die Wissenschaft selber wieder Kontrolle über das Publikationswesen erlangt, sind im Licht dieser Überlegungen nicht besonders hoch.

Kritisch ist Hagner auch gegenüber der Idee des freien Zugangs für alle: Tatsächlich hat in der Welt von Open Access jeder und jede Zugang zu Forschungsresultaten. Nur: Wollen Herr und Frau Müller wirklich die letzten Forschungsresultate aus dem Bereich der Molekularphysik, der Radiologie oder der Biochemie? – Zugang hätten sie eigentlich schon heute, nur müssen sie den Umweg über eine öffentliche wissenschaftliche Bibliothek machen.

Open Access, so Michael Hagner, löst das Problem der überteuerten Lizenzen und Abos wohl nicht. Denn die Ursachen liegen anderswo: Zum Beispiel im Publikationszwang – manche nennen ihn auch Publikationswahn – der Wissenschafter nach dem Motto „Publish or perish“. Und dahinter steckt letztlich auch die Überzeugung, dass Publikationen dem wirtschaftlichen Fortschritt und dem Transfer des Wissens dienen. Auch diese Überzeugung, so Hagner, gilt es kritisch zu hinterfragen. Immerhin will er das Kind nicht mit dem Bade ausschütten: “The idea of OA is not to blame for this development, but rather the fact that OA has so quickly and unforeseeably turned into a lucrative business model.”

Michael Hagner kommt zu einem wenig optimistischen Schluss:

„There is thus a significant discrepancy between the reality of academic publishing and the optimism of politicians and science functionaries who praise OA as a panacea for all the ills afflicting science culture. In all likelihood, OA will continue to prevail under the conditions of academic and data capitalism, if for no other reason than that it has been – and for the foreseeable future will continue to be – mandated by powerful politicians, scientific organisations and funding bodies. Individual scientists and institutions have made remarkable efforts to revitalise noncommercial forms of publication. In my view, this is the only way that the desperately needed reform of academic publishing in the STM disciplines can be achieved. Yet, it remains to be seen whether such tender shoots are able to survive and flourish in the wilderness of economically dictated interests, criteria and categories, which have unfortunately infiltrated the sciences themselves. It cannot be ruled out that nonprofit OA publishing will one day be cited as a textbook example of the “tragedy of the commons”.

Der ETH Wissenschaftshistoriker Michael Hagner ist einer der ersten, der in der Schweiz auf die Schwächen der Open Access Strategie hinweist. Als staatlich besoldeteter Forscher hat er sich damit exponiert. Dem Vernehmen nach ist man bei den einschlägigen Stellen „not amused“ und bereitet eine Replik vor. Affaire à suivre. Wünschenswert wäre übrigens auch, dass die Kontroverse in einer weiteren Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen wird. Sie, die weitere Öffentlichkeit, stellt schliesslich die Mittel zur Verfügung.

Die Open Access Policy von Swissuniversities.

Michael Hagner: Open access, data capitalism and academic publishing. In: Swiss Medical Weekly. 16.2.2018

Nachtrag: Die im Text angekündigte Replik des Schweizer Nationalfonds SNF ist mittlerweile bereits eingetroffen.
Matthias Egger und Angelika Kalt: Technical comment on: Hagner M. Open access, data capitalism and academic publishing.

Der Autor Michael Hagner hat seinerseits auf dieses Statement geantwortet:
Response to Matthias Egger and Angelika Kalt. In diesen Tagen – also im März 2018 – erscheint eine
umfangreiche Publikation zum gleichen Thema:
Ulrich Herb and Joachim Schöpfel: Open Divide. Critical Studies on Open Access.

Hören Sie auch unseren Podcast mit dem ETH Wissenschaftsforscher Michael Hagner.

 



Publiziert von Dominik Landwehr am 17.03.2018 13:16 in Lesen, Nachdenken


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