23.11.2017

No games please

Vor wenigen Tagen ist der erste Schweizer Digitaltag über die Bühne gegangen – an vielen Orten in der Schweiz gab es Workshops, Vorträge, Kurzdemos alles zum Thema Digitalisierung. Die Botschaft war klar: Digitalisierung bringt uns viele Chancen und man soll keine Angst davor haben. Was hat der Tag gebracht? – Ein kritischer Kommentar.

Der Digitaltag war für mich vor allem ein mediales Grossereignis – Zeitungen waren voll davon, Radio und Fernsehen haben Sondersendungen gemacht. In meinem Umfeld hat der Digitaltag wenig beschäftigt. Die Digitalisierung ist kein grosses Thema – und auch der Digitaltag hat die Gemüter wenig bewegt. Warum ist das so? Ich sehe mehrere Gründe: Erstens: Die Digitalisierung ist schon seit den 90er Jahren ein grosses Thema.  Ende 90er Jahre gabs den  Dotcom-Boom und den Dotcom-Crash, der Milliarden vernichtet hat. Wir haben uns an grosse Versprechungen gewöhnt. Die Suppe wird selten so heiss gegessen wie sie gekocht wurde, denken wir. Was gerne übersehen wird: Die Entwicklung ist nach dem Crash weiter gegangen und hat sogar noch an Tempo zugelegt.

Zweitens: Sogar die Vorreiter der Digitalisierung haben deren Auswirkungen unterschätzt. Die amerikanische Soziologin Sherry Turkle sagt sinngemäss: „Meine Generation hatte eine Liebesbeziehung mit dem Computer. Wir haben gedacht, alles würde einfacher. Dabei ist alles komplizierter geworden.„

Drittens: Die Botschaften zum Digitaltag, die bei mir angekommen sind, waren etwas gar harmlos. Ich sah drollige Roboter, futuristische Virtual Reality Brillen, Politiker mit Smartphones. Der ehemalige Rektor der ETH Lausanne Patrick Aebischer etwa forderte Programmierunterricht an den Schulen. Programierunterricht als Rezept im Umgang mit der Digitalisierung? – Ist es so einfach? – Ich fühlte mich in die 80er Jahre zurückversetzt, als Seymour Papart am MIT die Kinder-Programmiersprache Logo entwickelte Die Programmiersprache ist genial, aber Kinder wollen trotzdem nicht programmieren.

Genug gestänkert. Wie müsste die Botschaft dann lauten?– Meine Antwort: Klartext bitte – no Games! Es ist toll, wenn wir Freude an VR Brillen, an leistungsfähigen Handies und an Robotern haben. Nur: Die Musik spielt anderswo: Wir erleben eine der ganz grossen Umwälzungen der Neuzeit. Tolle Geräte mögen dazu gehören. Viel wichtiger aber sind neue Geschäfts- und Organisationsmodelle: Napster, iTunes und Spotify haben das Musikgeschäft neu definiert, Uber stellt gerade den Taximarkt auf den Kopf,  Amazon und Alibaba revolutionieren den Detailhandel, Flixbus bietet Reisen für ein Trinkgeld, die Datenwolke von Google und Dropbox macht Soft- und Hardware überflüssig, Facebook und Youtube erfinden die Medien neu…. Die Liste liesse sich beliebig verlängern.

Viele Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft werden umgepflügt – Tausende von Arbeitsplätze werden verschwinden und zwar in der Produktion und im Dienstleistungssektor. Stichworte: Roboter in der Produktion, Algorithmen als Bankberater, Onlinehandel, selbstfahrende Taxis und Autobusse. Es werden auch neue Stellen geschaffen werden. Nur: Ob sich die Zahlen ausgleichen ist mehr als offen.

Noch einmal – was wäre dann die Botschaft. Mein Vorschlag: Leute wacht auf, da draussen geht die Post ab. Dein Leben wird sich bald ändern. Wird darum alles besser? – Nein. Es wird anders. Die Zukunft ist kein Ponyhof.



Publiziert von Dominik Landwehr am 23.11.2017 09:38 in Lesen


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