31.10.2017

Leben in Zeiten des Datenrausches

Unbehaglich, aber wohltuend: Im Kunsthaus Langenthal läuft seit September die Ausstellung «Raus aus dem digitalen Unbehagen». Die dazugehörige Publikation ermutigt, sich aus der Ohnmachtsstarre zu lösen.

Die Ohnmacht gegenüber den Big Five, die geistige Verödung in der eigenen Filterblase, das Wissen um dicke Datenspur, die wir im Alltag hinterlassen, die beinahe physisch schmerzhafte Leere, die sich beim Smartphone-Entzug einstellt.

Um diese und andere Phänomene des digitalisierten Heute dreht sich die aktuelle Ausstellung im Kunsthaus Langenthal – sie versammelt Positionen von über 30 Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt. «Es sind nicht mehr nur die Spezialisten, die das Unbehagen fühlen und diskutieren», schreiben die Kuratoren Raffael Dörig und Domenico Quaranta in der Ausstellungspublikation, die diesen Monat erschienen ist.

Benjamin Grosser, Go Rando, 2017, courtesy of the artist

 

Neben ihrer inhaltlich reichhaltigen Einleitung und 33 künstlerischen Positionen finden sich in der Publikation dennoch drei Expertenbeiträge. Paul Feigelfeld, Marie Lechner und Felix Stalder vertiefen das Thema im Hinblick auf die Macht der Daten, Bot-Kommunikation und ökologische Chancen der Digitalität. Drei Essays, die interessante Perspektiven auf unser Unbehagen bzw. die Möglichkeit, diesem handelnd entgegenzutreten, bieten. Hier je ein Amuse-Bouche:

 

«Im Zeitalter des Wiretappings tappen wir im Dunkeln. Das Unbehagen besteht nicht mehr darin, dass wir nicht wissen, wer oder was spricht, und dass in den meisten Fällen niemand zuhört, sondern darin, dass wir nicht verstehen, aber dennoch wissen, dass mitgehört wird.»

Paul Feigelfeld, Kultur- und Medienwissenschaftler, aktuell Gastprofessor am Institut Kunst in Basel

 

«Wir automatisieren zunehmend unsere Tweets und generieren enorme Volumen von Unterhaltung, denen niemand mehr Beachtung schenkt, geschweige denn sich einbringt, wenn nicht die Bots. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir müde werden, uns mit Bots zu unterhalten, sodass nur noch die Maschinen mit Maschinen sprechen, ohne dass noch irgendjemand zuhört.»

Marie Lechner, Autorin und Kuratorin bei La Gaîté Lyrique in Paris

 

«Dank Suchmaschinen sind wir nicht mehr auf die starre Ordnung des Zettelkastens angewiesen. Mit der Ausweitung der Sprechenden weiten wir auch die Perspektiven auf die Welt aus, die wir wahrnehmen können, und die wir in neue Modelle mit einbeziehen können. Besonders im Hinblick auf eine neue Ökologie wird es aber nicht reichen, diese Fähigkeit der Wahrnehmung und des Sprechens nur auf Menschen zu beschränken. Wir müssen diese auch auf Pflanzen, Tiere und ganze Systeme ausweiten. Und das geschieht im Moment gerade.»

Felix Stalder, Professor für Digitale Kultur an der ZHdK in Zürich

 

Ausstellungspublikation: Raus aus dem Digitalen Unbehagen / Escaping the Digital Unease. Raffael Dörig und Domenico Quaranta (Hg.). Christoph Merian Verlag, Oktober 2017. CHF 26.–, ISBN 978-3-85616-844-5



Publiziert von Martina Kammermann am 31.10.2017 11:19 in Hingehen, Lesen, Sehen




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