06.10.2017

Digital Dark Age – die Angst vor dem Datenverlust

Museen, Filmstudios, Medienunternehmen, Universitäten oder Bibliotheken: Produzenten und Archivare von audioviseuellen Kulturgütern stehen vor einer gewaltigen Herausforderung. Wie können Filme und Fotos für zukünftige Generationen in mehr als 100 Jahren erhalten werden?

Seit Jahrtausenden pflegt der Mensch eine Immortalitätskultur gegen das Vergessen. Er will unsterblich sein, oder wenigstens der Nachwelt in Erinnerung bleiben. Bereits die alten Ägypter mumifizierten ihre Pharaonen, um sie für die Ewigkeit zu konservieren. Könige und Machthaber des Mittelalters liessen ihr Konterfei und die blutigen Feldzüge von Malern auf Leinwänden darstellen. Die Nachwelt sollte sich an ihre Grösse und Stärke erinnern. Es half alles nichts. Wissenschaftler vermuten, höchstens sieben Prozent aller Kulturgüter wie Schriften, Kunstwerke und anderen Dokumenten der vergangen 1000 Jahren Menschheitsgeschichte dürften bis heute noch erhalten geblieben sein. Der Rest unserer Vergangenheit ist für immer verloren.

Digitalisierte historische Film- und Bildarchive benötigen eine aufwändige Pflege: Herbert George Ponting mit einem Telephoto-Apparat in der Antarktis, 1912. (Public Domain: The National Library of New Zealand)

Noch schlimmer ist der Datenverlust in der digitalen Welt des 21. Jahrhunderts. Sie kennen es: Sobald Sie einen neuen Laptop kaufen, müssen Sie Ihre Daten, vielleicht ein paar Giga- oder Terabyte, auf die neue Festplatte kopieren. Ist die Festplatte kaputt, sind die Daten verloren.

Professionelle Archive mit audiovisuellen Kulturgütern verfügen jedoch über Petabytes (1000 Terabytes) an Datenmengen auf ihren Festplatten. Diese zu kopieren und auf neue Hardware zu migrieren ist um einiges aufwändiger und kostenintensiver als die verhältnismässig kleinen Datenmengen eines privaten Laptops.

Besonders hart trifft es die Filmindustrie. Bis vor wenigen Jahren wurden Kinofilme aussschliesslich auf analogen Filmrollen gespeichert. Dieses Medium hat den Vorteil, dass es bei entsprechender Sorgfalt der Lagerung und Beachtung von Temperatur und Luftfeuchtigkeit, Jahrzehnte, oder sogar Jahrhunderte überdauern kann. Seit einigen Jahren werden analoge Filme jedoch digitalisiert oder sie entstehen von Beginn an nur noch digital (born digital). Die Pflege und Konservierung, sowie die Zugänglichkeit für künftige Generationen, wird somit immer aufwändiger. Die Lebensdauer von Computern und Speichermedien beläuft sich auf drei bis fünf Jahre. Versuchen Sie mal eine alte Floppy-Disk oder eine 3Zoll-Diskette mit ihrem Laptop abzuspielen. Keine Chance. Digitale Inhalte müssen stets umkopiert und auf neue Hardwareformate angepasst werden.

Ein weiteres Problem des Datenverluts sind auch Cloudanbieter. Wer seine Daten in die Cloud hochlädt, hat keine Garantie auf Datensicherheit. Als 2008, Digital Railroad, eine Website für das Speichern von Fotografien, geschlossen wurde, hatten die Nutzer nur 24 Stunden Zeit, ihre Daten herunter zu laden und sie andernorts zu speichern. Viele Fotografen und Fotoagenturen verloren damals Arbeiten, die über Jahre entstanden sind. Auch wir als «gewöhnliche» Nutzer laden unsere Fotos, Videos und Dokumente oft ahnungslos in die Cloud bei grossen Anbietern. Nur, wer garantiert, dass YouTube, Soundcloud oder Flicker bis in alle Ewigkeit unsere Videos und Fotos sicher aufbewahren? Was ist, wenn die Server gehackt und die Inhalte gelöscht werden?

Während nur noch sieben Prozent der Daten der Menschheit der vergangenen 1000 Jahre vorhanden sind, berfürchten Wissenschaftler für künftige Archeologen ein noch düsteres Zeitalter. Sie sprechen vom Digital Dark Age, wenn künftige Generationen mehr über die alten Ägypter wissen werden als über die Menschen des 21. Jahrhunderts. Noch nie haben wir soviele Daten produziert wie heute, noch nie war es so schwierig, diese Datenmengen zu erhalten.

Das Bewusstsein für das Problem des Digital Dark Age ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Weltweit unterrichten Forschungseinrichtungen und Universitäten den richtigen Umgang mit digitalen Gütern. In der Schweiz gibt es beispielsweise den Verein Memoriav, der sich um den Schutz audiovisueller Kulturgüter bemüht. In den USA gibt das Projekt LOCKSS, Lots of Copies Keep Stuff Safe, eine Initiative der Standford University in Kalifornien, Ratschläge für den richtigen Umgang mit digitalen Daten.



Publiziert von Philipp Bürkler am 06.10.2017 11:16 in Lesen, Nachdenken


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