14.09.2017

Open Access: Die Macht der Wissensverlage

Während Wissen auf Seiten wie Wikipedia für jederman frei zugänglich ist, bleibt wissenschaftliches Wissen, das von Forschern an Universitäten erarbeitet wird,  hinter Bezahlschranken, sogenannten Paywalls, versteckt. Die Herrschaft über dieses Wissen liegt bei grossen Verlagen wie Elsevier, SAGE, Springer oder Wiley-Blackwell. Diese verdienen mit den Artikeln Millionen. Die Open Access-Bewegung möchte dieses Geschäftsmodell durchbrechen.

Wissen ist Macht. Wer den Zugang kontrolliert ist mächtig. (Bild phb)

Die Verlage verkaufen das Wissen für horrende Summen an Universitäten und Bibliotheken. Die Kosten für wissenschaftliche Artikel und Magazine sind teilweise so horrend hoch, dass diese Institutionen Universitäten finanziell überfordert sind. «Teilweise kostet ein Jahresabo für ein wissenschaftliches Magazin 20 000 Euro», erklärt Ralf Schimmer, stellvertretender Leiter der Digital Library der Max-Planck-Gesellschaft in München in einem Interview, das ich vor einiger Zeit mit ihm führte. Um das gesamte Wissen in einem Forschungsbereich abzudecken, sind mehere Abonnements nötig, was die Kosten jährlich in die Millionen treiben kann. In den vergangenen 30 Jahren sind die Abo-Kosten um 300 Prozent gestiegen, wie der Literaturwissenschaftler Martin Eve in seinem 2014 erschienenen Buch Open Access and the Humanities schreibt.

Das integrale Interview mit Max Schimmer finden Sie hier als Podcast.

Schimmer sagt, «der Markt mit wissenschaftlichen Information ist einer der profitabelsten Märkte der Welt, profitabler als die Öl- oder Autoindustrie.» Nur Player wie Apple oder Google hätten noch eine höhere Umsatzrendite. Schimmer ist überzeugt, dass «freier Zugang zu Wissen, also Open Access, einen Innovationsschub in der Wissenschaft auslösen wird, in einem Aussmass, den sich niemand vorstellen kann.» Eine Öffnung des Wissens hätte also einen enormen Impact auf Kreativität und Forschung.

Im Printzeitalter waren wissenschaftliche Publikationan auf Papier eine Notwenigkeit. Man bündelte Artikel und sammelte sie. Sobald genügend Artikel vorhanden waren, publizierte man die sie und druckte ein vierteljährlich erscheinendes Magazin. Im Internetzeitalter ist es nicht mehr nötig, abzuwarten. Man kann sofort publizieren. Der Fokus wird künftig auf einzelnen Artikeln liegen und nicht mehr auf Print-Zeitschriften. Sobald hier die Zahlschranken fallen, wird eine ungaubliche Kreatrivität freigesetzt.

Bereits seit einigen Jahren betreibt die kasachische Neurowissenschaftlerin Alexandra Elbakya die Plattform Sci-Hub. Hier können Nutzer nach wissenschaftlichen Aufsätzen suchen, die einerseits auf den Servern von Sci-Hub archiviert sind oder aus offiziellen Datenbanken der Zeitschriften und Verlage stammen, die eigentlich passwortgeschützt sind, die dort aber kostenlos heruntergeladen werden können. Sci Hub soll bereits über 60 Million wissenschaftliche Artikel von Datenbanken illegal kopiert und auf der eigenen Plattform veröffentlicht haben.

Wie restriktiv Verlage gegen jegliche Form von offenem Zugang vorgehen, zeigt der Verlag Elsevier. Dieser hatte im Juni 2017 Alexandra Elbakyan von Sci-Hub in New York gerichtlich zu einer Zahlung von 15 Millionen US-Dollar für Copyright-Verletzungen angeklagt und Recht bekommen. Ob Elbakyan diese Summe tatsächlich zahlen muss, steht in den Sternen. Die Kasachin lebt werder in den USA, noch hat sie dort Vermögen.

Falls es in den kommenden Jahren zu einer Öffnung des wissenschaftlichen Wissens kommt, werde Google der erste Akteur sein, der eine maximale Indexierung vornimmt, so Schimmer. «Google wird sich massiv darüber freuen, weil dann keine rechtlichen Bedenken mehr bestehen.» Google müsste sich nicht mehr um Urheberrechte kümmern, sondern könnte als grosse datenbank des Wissens fungieren.

Maurice Erb, Simon Ganahl und Patrick Kilian haben kürzliche zum Thema Open Access einen Artikel auf geschichtedergegenwart.ch veröffentlicht. Im Text geht es einerseits um die historische Komponente vom Zugang zu Wissen, andererseits um die beiden Open Access-Strategien, dem «grünen Weg» und dem «goldenen Weg».



Publiziert von Philipp Bürkler am 14.09.2017 15:11 in Hören, Lesen


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