12.02.2016

Macht die Digitalisierung Bibliotheken überflüssig?

Die Digitalisierung macht Bibliotheken in der heutigen Form überflüssig.

Die These ist nicht neu, dass sie aber gerade vom neuen Leiter der ETH Bibliothek Zürich vertreten wird, ist ungewöhnlich. Entsprechend fallen die Reaktionen aus.

Auf einer ganzen Seite wurde der neue Leiter der ETH Bibliothek Raffael Ball in der NZZ am Sonntag vom 7. Februar 2016 zur Zukunft der Bibliotheken befragt. Schon der Titel ist eine Provokation: «Weg mit den Büchern!» heisst es da.

«Um Inhalte zu finden und zu lesen, brauchen Sie heute eben keine Bibliotheken mehr, weil Sie keine gedruckten Bücher mehr brauchen. Ein Grossteil der Literatur ist schon heute digitalisiert im Internet zu finden. Das Informationsmonopol der Bibliothek ist gekippt. Wer heute einen Internetanschluss hat, aber keinen Zugang zu einer Bibliothek, ist potenziell gebildeter als jemand mit einem Bibliothekszugang, aber ohne Internetanschluss. Ich weiss von einen Chef eines deutschen Forschungszentrums, der sagt, er habe in seiner Karriere kein einziges Mal eine Bibliothek betreten.»

Im zweiten Teil wird das Gespräch dann etwas differenzierter: Bibliotheken müssen sich neu erfinden, sagt Ball und zwar als Informations- und Kommunikationszentren. «Aarhus in Dänemark zum Beispiel gibt es in der öffentlichen Bibliothek gar keine gedruckten Bücher mehr. Dafür gibt es Konferenzräume, Veranstaltungen für Kinder, ein Bürgerforum und eine Abteilung der Stadtverwaltung. Und man kann dort elektronisch auf Bücher zugreifen.»

Die Thesen von Ball sind nicht neu, aber sie haben doch einen kleinen Sturm im Wasserglas ausgelöst. Ruedi Mumenthaler, Bibliothekswissenschaftler und bis vor einigen Jahren Leiter Forschung und Entwicklung an der ETH Bibliothek, beschäftigt sich in seinem Blog kritisch mit den Thesen von Raffael Ball. In seinen Grundaussagen gibt er ihm allerdings Recht: Die Bibliotheken müssen sich neu erfinden und Aarhus in Dänemark ist ein gutes Beispiel. Mumenthaler ist aber auch der Meinung, dass der provokative Artikel falsche Signale an die Politik sendet in einer Zeit, wo man überall nach Einsparungsmöglichkeiten sucht.

Ebenfalls kritisch äussert sich der Historiker Michael Hanger, der an der ETH Wissenschaftsforschung lehrt, in der NZZ vom 12. Februar 2016:

«Dem gedruckten Buch geht es erstaunlich gut, und das wird auch für längere Zeit so bleiben. Warum? Weil es zahllose Leserinnen und Leser gibt, die lieber ein gedrucktes Buch nach Hause tragen und lesen, als die Lizenz für ein E-Book zu erwerben, die ihnen jederzeit wieder entzogen werden kann; und überdies mögen sie es nicht, beim Lesen Datenlieferanten für die grossen Unternehmen des Informationskapitalismus zu sein.»

Zwei Gedanken nimmt er auf: «Das gedruckte Buch ist immer noch länger haltbar als die digitalen Informationen. Kein Mensch weiss, was davon in hundert Jahren noch lesbar sein wird.» Schwer wiegt auch das zweite Argument: Die digitale Information gerade im Bereich der Wissenschaft liegt heute in den Händen von einigen wenigen Verlagen wie Elsevier, Wiley und Springer, welche einen Grossteil der wissenschaftlichen Publikationen kontrollieren. Der Zugang zur Information kontrolliert der US-amerikanischen Suchdienst Google. Das sind nicht unbedingt beruhigende Perspektiven.

 



Publiziert von Dominik Landwehr am 12.02.2016 08:55 in Lesen


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