09.06.2015

Kontroverse um Wikipedia zeigt Grenzen der Online-Enzyklopädie

In der Schweiz sorgt eine Kontroverse um einen Wikipedia-Artikel für rote Köpfe. Ausgerechnet ein Eintrag über eine kleine netzpolitische Organisation wurde nämlich mit einem Löschantrag belegt.

Es geht um den Verein Digitale Allmend, der sich seit 2006 mit Fragen des Urheberrechts beschäftigt und dabei einen sehr liberalen Standpunkt vertritt. Seine Mitglieder zeichnen sich durch Kompetenz und Engagement aus und der Verein wird deshalb auch von Medien und Politiker ernst genommen. Geschrieben hat den umstrittenen Artikel der Internet-Aktivist Bruno Jehle, der seinerseits Mitglied der Digitalen Allmend ist.

Die Wikipedia-Administratoren halten den Beitrag für zu wenig relevant und kritisieren die fehlende Unabhängigkeit des Autors. Würde man das gelten lassen, dann müssten wohl tausende von Artikeln gelöscht werden, die ebenfalls von Mitgliedern anderer Organisationen geschrieben wurden. Für den Schweizer Anwalt und Urheberrechtsspezialist Martin Steiger, der selber auch Mitglied der Digitalen Allmend ist, entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet der Verein, der in der Schweiz die Anliegen von freien Lizenzen (Creative Commons) vertritt, einer der Grundlagen der Wikipedia-Ideen, mit einem Löschantrag belegt wurde.

Die Kontroverse ist nicht neu: Strebt die angelsächsische Ausgabe der Online-Enzyklopädie nämlich nach Vollständigkeit und damit nach möglichst vielen Artikeln, so will die deutschsprachige Ausgabe nur relevante Artikel haben. Dieser Anspruch ist mit den gegebenen Strukturen nicht einzulösen. Die Entscheidung wird nämlich von den Administratoren gefällt, die sich in der Hierarchie der Wikipedia-Verantwortlichen durch Fleiss hochgearbeitet haben.

Der Löschantrag hat auf den Facebookseiten der Mitglieder der Digitale Allmend zu umfangreichen Diskussionen geführt. So schreibt etwa der Gründer und Betreiber des Zürcher Medienlabors dock18, Mario Purkathofer nicht ohne Sarkasmus: «Wir mussten in 10 jahren dock18 auch schon kläglich feststellen, dass uns die Relevanz, um auf Wikipedia zu erscheinen fehlt. Am Ende hat ein deutscher Gymnasiast, der sich vorwiegend für Ameisen interessiert, entschieden. Und das obwohl bereits Wikimedia und Wikipedia Veranstaltungen in diversen Räumen des dock18 durchgeführt wurden und wir auch Projektbeiträge von Wikipedia erhalten haben.»

Die gegenwärtige Diskussion hat in der Schweiz eine weitere Dimension: Erst vor kurzem haben öffentliche Institutionen angefangen mit Wikimedia zusammenzuarbeiten. So wurden beispielsweise 2013 über 5000 Fotografien aus dem Ersten Weltkrieg aus dem Bundesarchiv via Wikipedia veröffentlicht, ein weiteres Projekt läuft zur Zeit mit der Nationalbibliothek. Die Eidgenossenschaft und Wikimedia Schweiz haben dafür einen so genannten Wikipedia-in-Residence finanziert: Micha L.Rieser. Auch er äussert sich kritisch zu diesem Löschantrag: «Seit 2007 hat sich das ganze verstärkt! Die Regeln sind seit 2007 stark angewachsen! Um zu wissen, wie man sich in der Wikipedia bewegt, braucht man einen Doktor in Regelhuberistik. Du hast Recht, dass es nach aussen wie eine allgemeine Mitmachenzyklopädie aussieht. So ist es aber nicht. Das Problem sehe ich dort, dass die falschen durch das Regelsystem gestützt und die guten vertrieben werden. Das ist ein inhärenter Systemfehler»

Siehe auch den Artikel von Dominik Landwehr in der Neuen Zürcher Zeitung vom 8.August 2017: Online Lexikografen wühlen im Staub der Archive über die Zusammenarbeit von öffentlichen Institutionen wie Bibiotheken und Museen und Wikipedia.
Zur Diskussion auf der Facebookseite von Daniel Boos
Verein Digitale Allmend
Wikiwatch-Blog
Arbeitsstelle im Studien- und Forschungsschwerpunkt „Medienrecht“
der Juristischen Fakultät der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)



Publiziert von Dominik Landwehr am 09.06.2015 06:32 in Lesen


Keywords: [Politik] [Urheberrecht] [Wikipedia]


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