29.08.2014

Laienherrschaft – oder das neue Verhältnis der Kunst zur Sprache

«Laienherrschaft» heisst ein neues Buch zum Verhältnis von Kunst und Sprache. Herausgeber ist Ruedi Widmer von der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK. Er betreut auch ein Masterprogramm zum Thema Kulturpublizistik.

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Der Titel des Buches tönt zunächst einmal provokativ und so als würde der Herausgeber den Zeiten nachtrauern, als das Reden über Kunst nur Fachleuten vorbehalten war. Dem ist aber nicht so. Das Buch konstatiert zunächst einmal ganz nüchtern, dass das Internet das Reden und wohl auch das Schreiben über Kunst verändert hat. Man darf sich heute auch öffentlich über die so genannten Fachleute aufregen, die sich in schwer oder nichtverständlicher Fachsprache über Kunst äussern.

Kunst und Sprache, diese eine der zentralen Feststellungen des Buches, stehen in einem engen Verhältnis. Und es war durchaus auch früher nicht so, dass sich Kunst selber erklärt hat. Nicht erst die moderne Kunst hat einen grossen Erklärungs- und damit Publikationsbedarf produziert, erfahren wir von Christian Demand. Schon im 19.Jahrhundert begann die so genannte Kunstbegleitliteratur anzuschwellen. Zu vermuten wäre, dass dies parallel mit dem Aufschwung der bürgerlichen Gesellschaft und dem Museum passiert ist. Eine eher neuere Erscheinung ist aber wohl, dass sich der Kommentator ähnlich wie der Kurator zum Mit-Künstler erklärt.

Dem Kulturbetrieb sind die grossen Kritiker und Erklärer abhanden gekommen, so eine der Diagnosen, die etwa der verstorbene FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher formuliert. Der Ton heute ist nicht mehr kritisch, sondern weich und lieb: «Digitalisierung hat die Kritik grundlegend verändert», konstatiert etwa Mercedes Bunz. Genau hier hätte man gerne noch etwas mehr gelesen, allenfalls in Form einer Feldstudie. Der Herausgeber hat eine beachtliche Schar von Persönlichkeiten aus dem Kulturbetrieb zum Mitmachen motivieren können: Neben den bereits genannten sind dies unter anderem Hans Ulrich Reck, James Elkins, Jean-Martin Büttner, Elisabeth Bronfen, Stefan Zweifel, Diedrich Diederichsen, Corina Caduff oder Vinzenz Hediger. Was ist aber mit dem wachsenden Chor der Laien, der sich im virtuellen Stammtisch, sei es im Facebook oder in einem der zahlreichen Blogs äussert?

Die Texte sind kurz und bis auf wenige Ausnahmen gut verständlich. Es lebt auch von den eingestreuten Fragen – angelehnt an den berühmten Fragebogen von Max Frisch – mit Beiträgen von Peter von Matt, Peter Weber, Klaus Merz und anderen.

Laienherrschaft. 18 Exkurse zum Verhältnis von Künsten und Medien. Herausgegeben von Ruedi Widmer. Zürich 2014. Diaphanes.

Hören Sie dazu auch den digital brainstorming Podcast: Gespräch mit dem Herausgeber Ruedi Widmer
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Publiziert von Dominik Landwehr am 29.08.2014 16:55 in Lesen


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