25.08.2014

Circarama – das Panoramakino der Expo wird wiederbelebt.

Aus Anlass des 50.Jubiläums der Expo 64 wird am 12. und 13.September auf dem Berner Bundesplatz für zwei Tage das legendäre Panoramakino wiederbelebt. Dieses Rundumkino war eine der Hauptattraktionen der Expo 64.


Drei Filme aus dem Jahr 1964 wurden für das Jubiläum restauriert: «Wehrhafte Schweiz», «La Suisse s’interroge» und «Rund um Rad und Schiene». Letzterer war wohl die aufwendigste Produktion, denn sie wurde im damals revolutionären Circarama-Verfahren gedreht: Neun 35mm Filmkameras waren in einem Kreis angeordnet und konnten ein 360 Grad Vollpanorama aufnehmen. Realisiert wurde der Film damals von Ernst A.Heiniger (1909 – 1993) im Auftrag der SBB. Entwickelt wurde das CircaramaVerfahren von den Disney Studios, dass es sich nie richtig durchgesetzt hat, ist nicht weiter erstaunlich.
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(Bild SBB Historic)

Schaut man sich die Bilder von damals an, so wird man unwillkürlich an die Aufnahmefahrzeuge von Google Street View erinnert. Tatsächlich ging es beides mal um dasselbe: Einen möglichst umfassenden Blick zu ermöglichen. Die riesigen Apparaturen von damals geben aber eine Ahnung davon, wie schwerfällig, aufwendig und teuer dies vor 50 Jahren gewesen sein muss.
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(Bild SBB Historic)

In einer SBB Publikation aus dem Jahre 1963 lesen wir dazu: «Die SBS sind jetzt auch Filmstar geworden. Zivilisten wandern dem Schienenstrang entlang, messen ab, schreiben auf Schwellen große Zahlen, und rechnen nachher im Büro Fahrgeschwindigkeiten und Bremswege aus unter Berücksichtigung noch vieler anderer Faktoren. Denn die Circarama-Aufnahmen dulden keine oberflächlichen Vorbereitungen. Jede Kleinigkeit muss bis auf die Sekunde genau geprüft werden.»
Der Zuschauer mag dies im Jahr 2014 gütiger aufnehmen als der Filmhistoriker Felix Aeppli, der 1994 dazu folgendes notierte: «Inhaltlich bot der von den SBB, den Schweizer Privatbahnen und der schweizerischen Industrie für Eisenbahnmaterial in Auftrag gegebene Film wenig mehr als eine Anhäufung modernster Verkehrsmittel in Kombination mit touristischen Sehenswürdigkeiten.»

Die Vorführung der 360 Grad Filme ermöglicht hat der Verein Memoriav, der sich um die Erhaltung und Erschliessung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz kümmert. In einer Pressemitteilung heisst es dazu: «Die Komplexität dieses Unterfangens zeigt beispielhaft, dass es beim audiovisuellen Kulturgut nicht nur um die Erhaltung des Trägers beziehungsweise der Information auf dem Träger geht, sondern auch um die ‹Abspielbarkeit› und damit die Zugänglichkeit zu diesen Dokumenten.»
Ein Blick von aussen….
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(Bild SBB Historic)

…und von innen
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(Bild SBB Historic)

Das «Circarama» Verfahren ist eine Weiterentwicklung des Cinerama-Formats, das drei 35mm Projektoren nutzte um einen extremen Breitleinwandeffekt zu erzielen. Die Patentmeldung von 1955 läuft auf Walt Disney (1901 – 1966) und seinen Zeichner Ub Iwerks (1901 – 1971), das Patent wurde im Juni 1960 erteilt. Die erste Circarama Produktion war der Film «A Tour Of The West», für den 1955 eröffneten Themenpark Tomorrowland im kalifornischen Anaheim. Ub Iwerks erhielt 1960 von der Society of Motion Picture and Television Engineers (SMPTE) für diese und andere Entwicklungen im Bereich der Filmtechnik die Herbert T. Kalmus Gold Medaille. Zunächst wurden elf 16mm Kameras eingesetzt, später neun grössere 35mm Kameras.
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(Bild: Zeitgenössische Darstellung von 1900, Supplement zu Scientic American, Quelle: Wikimedia)

Der Traum vom 360-Grad Film ist aber wesentlich älter: Bereits um 1897 liess der Ingenieur Raoul Grimoin-Sanson (1860 – 1941) sein Cinéorama patentieren. Es erlebte seine erste öffentliche Vorführung an der Weltausstellung von 1900 in Paris: Sein Panorama simulierte einen Flug im Heissluftballon über Paris. Dafür benutzte er zehn 70mm Projektoren. Dem Filmexperiment war kein langes Leben vergönnt: Die Polizei schloss die Attraktion nach nur drei Tagen, weil die Projektoren extreme Hitze entwickelten. Dieselbe Technologie nutzte auch das Krugovaya Kinopanorama in Moskau , das1959 gebaut wurde und nach einer längeren Pause 2006 wieder in Betrieb genommen wurde. Zu sehen sind dort dem Vernehmen nach aufwendige Produktionen aus der Sowjetzeit.
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(Bild Krugovaya Kinopanorama: Wikimedia)

Kulturhistorisch knüpfen alle geschilderten Verfahren an der Panoramamalerei an, die vor allem im 19.Jahrhundert sehr populär war. Zu den wenig heute noch erhaltenen begehbaren Panoramen zählen das Bourbaki-Panorama in Luzern und das Panorama «Kreuzigung Christi» von Einsiedeln.
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(BIld: Bourbaki von Edouard Castres‎ (1838 – 1902), Quelle: Wikimedia)
Das Circorama Verfahren wird zwar heute noch verwendet, es hat sich jedoch nie auf breiter Front durchsetzen können. Grund dafür dürfte nicht nur der grosse Produktionsaufwand sein, sondern auch die Abspielbedinungen: Es braucht einen 360-Grad Saal um solche Filme zeigen zu können. Populär geworden ist demgegenüber das IMAX Verfahren, das mit einer wesentlich einfacheren auf dem 70mm Verfahren basierenden Technologie extrem hoch aufgelöste Projektionen ermöglicht. Zu nennen wäre dann auch die CAVE-Technologie (Cave Automatic Virtual Environment), welche ganze Räume in Projektionsflächen verwandelt. Auch diese Technologie ist sehr aufwendig und hat sich im Entertainment-Bereich nicht etablieren können.

Die Zitate stammen aus der Zeitschrift Semaphor. Frühling 2012. S.24-27. Bildmaterial: SBB Historic, Wikimedia.

Weitere Informationen: www.memoriav.ch/expo64

Auch das Verkehrshaus der Schweiz zeigt zur Zeit eine Ausstellung zu den Panoramafilmen der Expo64, dazu gehört auch eine verkleinderte Rekonstruktion des Circarama-Kinos.



Publiziert von Dominik Landwehr am 25.08.2014 17:40 in Sehen




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