16.12.2013

7 Millionen Fotos zum Schweizer Alltag – das Ringier Bildarchiv

7 Millionen analoge Fotos umfasst das analoge Archiv des Medienhauses Ringier. Es gehört seit 2009 zum Staatsarchiv des Kantons Aargau. Ein Archiv von solchem Umfang der Öffentlichkeit zugänglich zu machen ist allerdings kein einfaches Unterfangen.

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Die Digitalisierung hat die Schweizer Medienhäuser umgekrempelt – das gilt für alle Medien und es gilt ganz besonders für die Fotografie. Alle Medienhäuser mussten früher grosse Bildarchive haben. Zu den grössten Bildarchiven in der Schweiz zählte das Archiv der Firma Ringier. Mit der Digitalisierung verlor das Archiv seine Bedeutung. 2009 kam das analoge Archiv – nicht weniger als 7 Millionen Fotos zum Staatsarchiv des Kantons Aargau. Die Erschliessung ist aber eine grosse Aufgabe und ab Sommer 2014 soll hier ein wichtiger Schritt gemacht werden.

Der Bilderschatz der Firma Ringier befindet sich heute in den Räumen des ehemaligen Sauerländer Verlages beim Bahnhof Aarau. Die Unterbringung ist vor allem klimatisch noch nicht ganz optimal und deshalb temporär, erklärt die Leiterin des Archives, die Kulturwissenschafterin Nora Mathys. Sie kennt zwar nicht jedes einzelne der sieben Millionen Bilder – aber sie hat sich in den letzten Jahren eingehend mit dem Archiv befasst. Wichtigste Feststellung: Es besteht aus verschiedenen Schichten und Gruppen von Bildern und das hat mir der Geschichte des Archives zu tun: Das Medienunternehmen Ringier hat das Archiv 1959 angefangen – damals wurde die Boulvardzeitung „Blick“ lanciert. Im gleichen Jahr kaufte Ringier die Bildagentur Arnold Theodor Pfister und die Bilder aus diesem Archiv bilden denn auch den Grundstock. Zur gleichen Zeit kamen Fotos der Agentur UPI dazu und deshalb finden sich im Archiv auch viele historische Bilder aus dem Ausland.

Das Staatsarchiv Aargau hat sich drei Ziele gegeben: Sicherung, Vermittlung und Vernetzung. Zunächst muss der Bestand gesichert werden, dazu gehört auch die Sicherung der Kontextinformationen. Zweitens will man die Bestände fortlaufend erschliessen und über die Datenbank des Staatsarchivs zugänglich machen. Mit der Vernetzung sollen die Erkenntnisse auch im internationalen Kontext präsentiert und diskutiert werden.

Das Archiv enthält Bilder zu verschiedenen Themenkomplexen: Sport, Politik, Unterhaltung und Alltag. Damit sind die Bilder eine wichtige Dokumentation zur Geschichte der Schweiz im 20.Jahrhundert. Wünschbar wäre natürlich, dass alle Fotos in digitaler Form zugänglich sind. Das ist aber nicht zu leisten, erklärt die Leiterin des Archivs. Denn es ist ja nicht damit getan, die Fotos einfach zu digitalisieren. Auch die Legenden müssten erfasst werden. Das Archiv hat sich deshalb für einen anderen Weg entschlossen: „Wir konzentrieren uns zunächst auf die Reportage-Dossiers. Das sind allein schon 300 000 Fotos“. Von diesen Dossiers werden Kontaktabzüge digital zugänglich gemacht. So soll der Benutzer entscheiden können, ob er oder sie das Dossier näher anschauen oder vielleicht sogar digitalisieren lassen will.
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Das Ringier-Bildarchiv ist ohne Zweifel eine grossartige Quelle für die Illustration von historischen Studien über das 20. Jahrhundert. Die Bilder könnten aber für medienwissenschaftliche Forschungen über den Blick der Fotografen und Bildredaktoren genutzt werden, meint Nora Mathys. Was war im 20.Jahrhundert für die Presse überhaupt dokumentationswürdig? – Welche Aussagen hat der Fotograf implizit mit seinem Bild gemacht? – Wie ist man auf den Redaktionen mit dem Bildmaterial umgegangen, welche Aussagen hat mit der Wahl der Ausschnitte konstruiert?

Dem Vernehmen nach, war es für das Medienhaus Ringier nicht ganz einfach, eine neue Heimat für diese einmalige Sammlung zu finden. Der kritische Beobachter fragt sich deshalb: Weshalb hat das Unternehmen dies nicht selber an die Hand genommen? – Offenbar war man der Meinung, dass für solche Aufgaben der Staat zuständig ist. Kunst zu kaufen ist für das Medienhaus Ringier offfenbar edler als ein Archiv für die Allgemeinheit zu erschliessen.

Das Ringier-Bildarchiv ist nur eine von zahlreichen analogen Fotosammlungen und -Archiven, die es in der Schweiz gibt. Wie kann man diese Sammlungen sichern, erhalten und zugänglich machen? – Welche Chancen bietet die Digitalisierung von solchen Archiven? – Ist es überhaupt möglich, derart grosse Bildbestände zu digitalisieren? – Mit Fragen dieser Art befasst sich eine Publikation, die in diesen Tagen erschienen ist. Sie gibt Antworten auf diese Fragen anhand verschiedener aktueller Beispiele aus der Schweiz. Die Frage, die im Hintergrund steht ist dabei: Welcher Wert hat die Fotografie? – Das ist durchaus keine rhetorische Frage. Die Geschichtswissenschaft zum Beispiel hat erst in den 80er Jahren begonnen, sich systematisch mit der Bedeutung der Fotografie als historische Quelle zu befassen.

Interview mit Nora Mathys vom 15.Dezember 2013. Länge: 15 Minuten. Das Gespräch führte Dominik Landwehr

Nora Mathys, Walter Leimgruber, Andrea Voellmin: Über den Wert der Fotgrafie. Zu wissenschaftlichen Kriterien für die Bewahrung von Fotosammlungen. Baden 2013 (Verlag Hier & Jetzt)

www.ag-staatsarchiv.ch

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Publiziert von Dominik Landwehr am 16.12.2013 08:58 in Hören


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