02.12.2013

Digital Humanities in der Schweiz

Die Digitalisierung ist auch für die Geisteswissenschaften eine wichtige Entwicklung. Die so genannten Digital Humanities fassen auch in der Schweiz langsam Fuss. Wobei die Betonung durchaus auf dem Begriff langsam liegen kann. Das zeigte das Symposium der Schweizerischen Akademie für Geisteswissenschaften unter dem Titel „Digital Humanities: Neue Herausforderungen für den Forschungsplatz Schweiz“ das am 28.und 29. November 2013 in Bern stattgefunden hat.


Selbstverständlich arbeiten auch die Geisteswissenschaften längst mit den Methoden der digitalen Neuzeit. Das Potential, das hier schlummert, wird aber höchst unterschiedlich genutzt. Und nach wie vor bestehen grosse Vorbehalte und Barrieren. Die Vorbehalte sind eher mentaler, die Barrieren technischer und institutioneller Natur.

Dabei lässt sich ein überraschendes Muster beobachten: Ältere Wissenschafter, die in sehr traditionellen Forschungsfeldern arbeiten, sind von den neuen Möglichkeiten begeistert und nutzen sie auch stark. Beispiele dafür sind etwa die Edition von Handschriften, die an verschiedenen Orten der Welt verstreut sind. Demgegenüber neigen die jüngeren Wissenschafterinnen und Wissenschafter eher zu Skepsis und fragen zuerst nach den Auswirkungen der neuen Methoden und den Interessen der Industrie, die dahinter stehen. Beispielhaft war hier etwa das Referat der Kunsthistorikerin Margarete Pratschke. Sie wies auch darauf hin, dass die Digitalisierung für textorientierte Wissenschaften etwas Anderes ist als für bildorientierte Disziplinen: Wie vergleicht man eine Million Bilder? – So lautet eine der bisher ungeklärten Schlüsselfragen.

Die Institutionen sprich die Hochschulen tun sich nach wie vor schwer mit der Digitalisierung. Das Aufsetzen eines Servers für ein eigenes Forschungsprojekt sei ein Unterfangen, das an vielen Universitäten fast nicht zu bewältigen sei, war etwa zu hören. Absurd erscheint auch der Zustand, dass ein Historiker an der Uni Basel und ein Historiker an der Uni Zürich nicht dieselben digitalen Nachschlagewerke und Fachliteratur benutzen können. Ein Wissenschafterin, eben von einem Forschungsaufenthalt in den USA zurück, zeigte sich überrascht, dass wichtige digitale Ressourcen hier nirgends verfügbar sind, dazu zählt etwa die digitale Bibliothek des Hathi Trust Verantwortlich dafür ist die föderale Struktur des Schweizer Hochschulwesens.

Ein düsteres Bild zeichnete auch der Kulturwissenschafter Walter Leimgruber, der das Thema Digitalisierung in verschiedenen Gremien in den letzten Jahren begleitet hat: Man spricht zwar seit dem Jahr 2000 von einer Memopolitik. In der Praxis hat sich aber erst sehr wenig getan und für eine gemeinsame Infrastruktur wird erst gerade ein Pilotprojekt erarbeitet.

Eine grosse Frage blieb an der Tagung offen: Worin liegt die Bedeutung der Digitalisierung wirklich? – Was heisst den „Digital Humanities“ wirklich? Geht es hier einfach um neue Instrumente für die Wissenschaft oder geschieht ein kategorialer Wandel; hat die Entwicklung grundlegende Folgen für die Geisteswissenschaft? Es könnte sein, dies zeichnete sich immerhin ab, dass es tatsächlich um mehr geht als um die Implementierung neuer Methoden. Eines der Potentiale der Digitalisierung dürfte im Bereich der Kollaboration liegen. Diese Potentiale sind hierzulande noch weitgehend unausgeschöpft.

Die Tagung wird auf den Seiten der Schweizerischen Akademie für Geisteswissenschaften dokumentiert.

Kurzbericht Dominik Landwehr



Publiziert von Dominik Landwehr am 02.12.2013 09:05 in Lesen


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