03.10.2013

Skulptur zu Ehren des Mann ohne Urheberrechte

Robert Musil (1880 – 1943) ist vor 70 Jahren gestorben. Deshalb ist sein Werk ab 2013 Public Domain. Es ist gemeinfrei und darf frei verwendet und weiterbearbeitet werden. Der Zürcher Künstler Mario Purkhathofer – er ist auch Mitveranstalter der Public Domain Night und Leiter des Medienkunstraums Dock18 – hat aus diesem Anlass ein eigensinniges neues Werk gestaltet: Er liess Musils Jahrhundertroman „Der Mann ohne Eigenschaften“ in Spiegelschrift drucken. Die Zürcher Germanistin Villoe Huszai hat dazu einen wunderbaren Text geschrieben, den wir hier ungekürzt wiedergeben.

musil-1.jpg
Der Mann ohne Eigenschaften in Spiegelschrift! Der in Zürich angesiedelte Kunstraum Dock18 verwandelt ein schwer lesbares Buch (das auch zu schreiben sehr schwer und zu beenden für Musil sogar unmöglich wurde) in eine auf den ersten Blick unlesbare Skulptur. Und Lewis Carrolls Alice würde wohl auch angesichts dieser „Mann ohne Eigenschaften“-Edition zuerst „Nonsense!“ diagnostizieren, und dann doch erwartungsvoll durch den Spiegel steigen. Ein bisschen wie Alice hinter dem Spiegel geht es uns derzeit mit Musils Werk, denn gerade eben, seit 2012, sind die Urheberrechte des 1942 im Genfer Exil verstorbenen österreichischen Autors erloschen. Was erwartet uns hinter dieser juristisch und wirtschaftlich so wirkungsmächtigen Urheberrechtsschranke? Die Dock-18-Ausgabe ist eine wilde, erste Antwort. Sie behauptet: Wir sind endlich frei, mit diesem Werk, das schon längst zum kulturellen Gemeingut, zum Klassiker, geworden ist, zu spielen und zu experimentieren. Wirklich frei, betont die Ausgabe, und erlaubt es sich, die Schraube der Verstehensschwierigkeiten bei diesem notorisch schwer verständlichen Buch um eine typographische Drehung weiterzutreiben. Und diese neugewonnene Freiheit ist Anlass zum Feiern; mit eben dieser Dock18-Ausgabe des Mann ohne Eigenschaften.

Ohne Eigenschaften heisst, dass diese in der modernen Welt „uff d’Leutsch“ gehen, wie wir SchweizerInnen sagen. Die Eigenschaften gehen spazieren, sagt Musil, und kleben nicht mehr sklavisch am Individuum. Seit 2012 gilt das nun auch für Musils Worte, Sätze, Gedanken: Sie sind seit 2012 gemeinfrei, sie gehören – urheberrechtlich gesehen – nicht mehr einem einzelnen Individuum, sei das im konkreten Fall das juristische Individuum Rowohlt-Verlag, sondern der Allgemeinheit. So die Theorie. Aber so einfach dürfte das mit der Gemeinfreiheit in der Praxis nicht werden: Wie Alice dürften auch uns einige „posturheberrechtlichen“ Abenteuer in der Welt Musilscher Gemeinfreiheit erwarten. Interessant ist zum Beispiel die Frage, wie es um die Urheberrechte des Musil-Herausgebers Adolf Frisé steht, der den „Mann ohne Eigenschaften“ sowie weitere Werke erstmals 1952 und dann stark erweitert 1978, herausgegeben hat. Dass Frisé dabei nicht nur als Herausgeber, sondern bezüglich des Nachlasses als zweiter Autor gewirkt hat, steht ausser Frage – was also ist mit Frisés Urheberrechten? Und wie steht es eigentlich um die Urheberrechte der Transkriptoren? Seit 1992 gibt es eine Transkription des 11’000 Manuskriptseiten starken handschriftlichen Nachlasses, basierend auf dem DOS-System. Diese war aber schon kurz nach der Publikation praktisch unlesbar geworden, weil die Computerwelt noch Ende 80er Jahre mit der Einführung von Windows vom DOS-Erscheinungsbild auf eine grafische Benutzeroberfläche gewechselt war. Dass diese Transkription als eine Art Privatbesitz aufgefasst wird, steht ebenfalls ausser Frage, bedenkt man, wie lange die Musil-Forschung warten musste, bis sie endlich durch eine grafische Benutzeroberfläche wieder zugänglich gemacht wurde: Erst 2010 war dies der Fall, in Form einer in Klagenfurt herausgegebenen Gesamtausgabe, die „Kommentierte Digitale Edition sämtlicher Werke, Briefe und Nachgelassenen Schriften“. Und hier, in der Gestalt dieser Ausgabe, treffen wir auf die wohl gefährlichste Figur, die uns hinter der Urheberrechts-Schranke, im Schachspiel um die Musilsche Gemeinfreiheit, erwartet: Die Edition bettet alle Musilschen Texte zum einen in eine proprietäre, das heisst gerade nicht gemeinfreie Software namens Folio Views, zum andern in die – gerade für Musils Werk – vollkommen anachronistische Vision einer abschliessenden, von einem Expertenteam im Alleingang gestalteten Gesamtedition. Und das alles auf einer DVD. „’Bin ich jetzt gut zugedeckt?’“ könnte auch Musils Werk fragen. Und ebenso, wie sich Georg Bendemanns Vater in Kafkas „Urteil“ jäh aufrichtet und die Decke von sich schleudert, wird sich auch Musils Werk längerfristig nicht in einer solchen DVD-Gesamtedition einsargen lassen.

Gerade Musils Werk gehört ins Netz, ins gemeine Netz, in die Gemeinfreiheit. Wenn ein Werk das Zeug dazu hat, sich mit der Netzkultur zu verflechten, dann das Werk Robert Musils. Walter Fanta, einer der Herausgeber der Klagenfurter Edition, hat schon vor langem geschrieben, dass in Musils Werk die Vernetzung der Texte, die Verflechtung, das Nicht-Abschliessbare, die Oberhand gewinnt über das Prinzip Einzeltext oder Buchpublikation. Musils Werk wuchert unaufhaltsam, statt sich in adretten Texten, in Buch-Kästchen – oder in einer DVD – ruhig stellen zu lassen. Darum auch hat Musil nach einem letzten Versuch Anfang der 30er Jahre keine Seite seines entstehenden Hauptwerkes mehr für den Druck freigeben können. Aus diesem Wuchern, einem faszinierenden Wuchern voller Streben nach Form und Inhalt, ist ein Textreich entstanden, das in seiner Gesamtheit anders als digital gar nicht mehr ediert werden kann.

Musils Werk ist also existentiell vom Computer abhängig. Aber mehr noch: Musils Werk nimmt die digitale Vernetzung vorweg; mittels rund 100’000 interner Verweise hat Musil, bis zu seinem Tod im Jahre 1942 im Genfer Exil, sein Werk mit analogen Mitteln zu einem gewaltigen Hypertext-Raum ausgebaut – während der amerikanische Ingenieur Vannevar Bush zeitgleich „Memex“, die Ur-Idee des Hypertextes, entwickelt hat. Musils Werk gehört ins Netz und in die Gemeinfreiheit. Und dann erst wird sich richtig zeigen, was Musils Textreich hinter der Urheberrechtsschranke an geistigen Abenteuern für uns bereithält. Die Mann-ohne Eigenschaften-Skulptur von Dock18 steht zur Feier dieser neuen Ära gleich um die Ecke.

Villö Huszai, September 2013
musil-2.jpg
Das Vorwort zur neuen Ausgabe als PDF

Das Cover der neuen Musil-Ausgabe

Zur Public Domain Night:

Der nächste Anlass zu diesem Thema findet am Sonntagmorgen 20.Oktober 2013 in Aarau statt:



Publiziert von Dominik Landwehr am 03.10.2013 10:37 in Lesen


Keywords: [Medienkunst] [Public Domain] [Urheberrecht]


Ausserdem