10.05.2012

Ars Electronica Preis für das Schweizer Duo Wachter & Jud

Das Schweizer Künstlerduo Christoph Wachter und Mathias Jud gewinnt einen der Hauptpreise beim diesjährigen Prix Ars Electronica. Die beiden werden in der Kategorie „next idea“ für ihre konzeptionelle Arbeit „qaul.net – tools for the next revolution“ geehrt. Ihr aktuelles Projekt wurde massgeblich vom Migros-Kulturprozent gefördert.


Der Begriff „Qaul“ stammt aus dem Arabischen und bedeutet so viel wie Aussage, Rede, Wort. In ihrer zunächst konzeptionell orientierten Arbeit geht es den beiden Künstlern darum, mit Hilfe bestehenden Technologien freie Netzwerke aufzubauen und damit Gemeinschaften Plattformen zur Verfügung zu stellen, die vollkommen unabhängig vom Internet sind.

Technisch bauen Wachter und Jud auf der so genannten Mesh-Technologie auf, die im Rahmen der Freifunker-Bewegung vor zehn Jahren populär war, aber nicht weiter entwickelt wurde. Ging es damals um die Integration von möglichst vielen Computern ins Internet, so steht heute die Entwicklung von Netzen im Vordergrund, die vom Internet unabhängig sind. Die beiden Künstler haben die bestehenden Lösungen so weiter entwickelt, dass sie sich mit minimalen Aufwand auf einem Computer installieren lassen. Dank dieser Software ist dann jeder Computer sofort Client und Server.

Anders als das Internet können solche Netze nicht staatlich überwacht und kontrolliert werden, die politischen Bezüge dieser Arbeit liegen denn auch auf der Hand. Dennoch verstehen sich Wachter und Jud nicht in erster Linie als politische Aktivisten: „Wir möchten alle zum gemeinsamen Experiment einladen, die Interpretation der Resultate überlassen wir dem Publikum.“

Politisch waren auch die früheren Arbeiten des Künstlerduos: In der Arbeit „Zone Interdite“ rekonstruierten sie anhand von öffentlich zugänglichen Informationen bereits vor zehn Jahren die geografische Lage des Gefängnisses Bagram in Afghanistan und erregten damit weltweit Aufsehen. Mit der Arbeit „Picidae“ schufen sie eine Software, welche die chinesische Firewall durchbrechen konnte. Die Arbeit wurde denn auch in ein Handbuch für Cyber-Dissidenten der Organisation Reporter sans Frontières aufgenommen.

Der mit 7500 Euro dotierte und vom Linzer Stahlwerk voestalpine gestiftete Preis wird am 31.August im Rahmen des Festivalgala der Ars Electronica übergeben und ist mit einem zweimonatigen Studienaufenthalt am Futurelab in Linz verbunden. Das prämierte Projekt soll im Rahmen des Festivals demonstriert werden und später auch über Internet zum freien Download angeboten werden.
Die Ars Electronica ist das weltweit wichtigste Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft. In diesem Jahr wurden insgesamt 3674 Projekte aus 72 Ländern eingereicht.

Das Künsterduo Wachter & Jud wurde vom Migros-Kulturprozent bereits zweimal gefördert: 2007 für das Projekt Picidae und 2011 für das aktuelle Projekt. Dafür erhielten die beiden 2011 im Rahmen der Werkbeiträge Digitale Kultur den Betrag von 20 000 Schweizer Franken. Mit Arbeiten wie sie die beiden realisieren, lässt sich auf dem Kunstmarkt kein Geld verdienen.

www.wachter-jud.net/
www.aec.at/prix/de/gewinner/2012
Gespräch mit Christoph Wachter und Mathias Jud zum Projekt Picidae – aufgezeichnet am 15.4.2008 in Berlin von Dominik Landwehr
Simon Spiegel in einem etwas ausführlicheren Artikel zum aktuellen Projekt im Magazin von www.migros-kulturprozent.ch



Publiziert von Dominik Landwehr am 10.05.2012 07:48 in Lesen


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