18.04.2012

Konrad Zuse und die Schweiz oder: Wer hat den Computer erfunden

Der deutsche Ingenieur Konrad Zuse gehört zu den grossen Pionieren der Computergeschichte. Sein legendärer Relais-Computer Z4 war der erste Computer der in der Schweiz benutzt wurde. Er stand an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH). Ein neues Buch des ETH InformatikersHerbert Bruderer erzählt diese Geschichte und räumt mit ein paar Mythen auf.

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Dominik Landwehr im Gespräch mit Herbert Bruderer.

Die Geschichte des ersten ETH Rechners ist ebenso ungewöhnlich wie spektakulär: Der Leiter des ETH-Instituts für angewandte Mathematik, Eduard Stiefel, hatte die Maschine 1949 in einem Schuppen im Allgäu aufgespürt und kurz entschlossen für fünf Jahre gemietet.

Zu lesen war vom Z4 in den letzten Jahren verschiedentlich – etwa im Kontext des 150 Jahr Jubiläums der ETH Zürich 2005 oder 2008 in einem Bildband zur Schweizer Informatik Geschichte von Gregor Henger. Herbert Bruderer ergänzt dieses Bild nun mit vielen Details und Façetten und räumt auf mit einer Reihe von Mythen: So verlief etwa die Zusammenarbeit mit dem deutschen Ingenieur Konrad Zuse keineswegs spannungsfrei. Der Rechner war zudem nicht einfach zu betreiben und die oft kolportiere Zuverlässigkeit bezeichnet der Autor als Schönfärberei.

Abb. 1 Mechanischer Speicher Z4-pano.jpg
Der Z4 war kein elektronischer, sondern ein elektromechanischer Rechner und es waren weder Röhren noch Transistoren, die den Takt angaben, sondern Relais, also elektromechanische Schalter. Eduard Stiefel (1909 – 1978) und seine Mitarbeiter Ambros Speiser (1922 – 2003) und Heinz Rutishauser (1918 – 1970) wussten sehr wohl, dass diese Technologie im Jahr 1950 einfach veraltet war. Die Entscheidung für den Z4 fiel aus rein pragmatischen Gründen. Ein Rechner musste her und auf die Schnelle war nichts Anderes zu haben.

Wofür wurde der Z4 überhaupt benutzt? – Ein wichtiger Teil im Buch von Herbert Bruderer machen die tabellarischen Auflistungen der Aufgaben des Z4 aus. Neben den oft zitierten Berechnungen für die Grande Dixence Staumauer im Wallis gehörten die Kalkulation von Flugbahnen von Geschossen, Aufgaben für das Teilchenforschungszentrum CERN aber auch die Lösung von nicht anwendungsbezogenen Aufgaben im Gebiet der Mathematik dazu.

Besondere Aufmerksamkeit gerade für Laien verdient das bereits im Untertitel erwähnte Kapitel zur Frage: Wer hat den Computer erfunden? – Hier werden ja neben Konrad Zuse immer wieder die Namen von Charles Babbage, Alan Turing und John von Neumann genannt. Nach der Lektüre des Kapitels ist klar, warum es keine einfache und eindeutige Antwort gibt: Zuerst muss nämlich die Frage geklärt werden: Was ist denn überhaupt ein Computer? – Nur soviel sei verraten: Entscheidend ist nicht, ob ein Rechner elektromechanisch und damit langsam oder elektronisch und damit schnell ist, viel wichtiger ist die Frage, wie sein Speicher beschaffen ist.

Neben der Geschichte des Z4 stellt Bruderer auch eine Reihe von weiteren Schweizer Informatikprojekten aus der Pionierzeit vor: Dazu gehört der ERMETH, ein programmierbarer Röhrenrechner, der 1953 – 1956 an der ETH Zürich entwickelt und gebaut wurde und heute im Museum für Kommunikation zu sehen ist; ein weiteres Kapitel ist der programmgesteuerten Rechenmaschine M9 gewidmet, welche Konrad Zuses Firma anfang 50er Jahre für die Schweizer Remington Rand entwickelte.

Der Verzicht auf den Fachjargon der Computerwissenschaft macht die geschichtliche Darstellung von Herbert Bruderer auch für den technisch und historisch interessierten Laien interessant. Weil sich die Darstellung stark an den Quellen orientiert – etwa am Bericht des Mathematikers Urs Hochstrassers (geboren 1926), bleiben grundsätzlichere Anliegen etwas auf der Strecke. Dazu gehört etwa die viel diskutierte Frage, warum die Schweiz trotz solchen Pionierleistungen in Sachen Computerwissenschaft bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts weit hinter anderen industrialisierten Staaten zurück geblieben war.

Herbert Bruderer: Konrad Zuse und die Schweiz. Wer hat den Computer erfunden. München: Oldenbourg Verlag 2012.

Audio Podcast: Dominik Landwehr im Gespräch mit Herbert Bruderer.

Bildnachweis:
Oben
Elektromagnetisches Relais der Z4 (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Zuse_Z4)

Links: Heinz Rutishauser; Rechts: Ambros Speiser rechts.Bild: ETH BIbliothek Zürich, BIldarchiv.

Mitte
Der mechanische Speicher der Z4.Bild: ETH BIbliothek Zürich, BIldarchiv.

Unten
Cover des Buches. „Konrad Zuse und die Schweiz.“.
bruderer-cover-pano.jpg



Publiziert von Dominik Landwehr am 18.04.2012 16:02 in Lesen


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