26.01.2012

Kultur digital – ein Thema gibt zu reden. Ein Tagungs-Bericht

Rund 160 Personen aus Kultur und Wissenschaft haben am Mittwoch 25. Januar 2012 am Symposium zum Thema „Kultur digital“ teilgenommen. Eingeladen hatte das Migros-Kulturprozent, symbolträchtig war der Ort: Das Gottlieb Duttweiler Institute GDI in Rüschlikon. Einige Beobachtungen aus der Sicht des Veranstalter.



Überrascht hat zunächst mal der Andrang zu diesem Symposium, der am Tag selber auch physisch zu spüren war. Angemeldet hatten sich rund 150 Personen, für weitere 50 fehlte der Platz und sie mussten abgewiesen werden.

Kein Zweifel: Das Thema interessiert, fasziniert, irritiert und polarisiert und genau diesen Umstand sprach Hedy Graber, Leiterin der Direktion Kultur und Soziales des Migros-Genossenschafts-Bund in ihrer Begrüssungsrede auch an. Das Bild von der emotionalen Achterbahnfahrt, mit dem sie die persönlichen und beruflichen Erfahrungen im Umgang mit der Digitalisierung beschrieb, wurde im Lauf des Tages immer wieder aufgegriffen. Die Kuratorin Inke Arns aus Dortmund visualisierte es gar mit einem Bild aus einer Publikation des Hartware MedienKunst Vereins Dortmund, dem sie vorsteht.

Es mag banal tönen: Zum Thema der Digitalisierung der Kultur gibt es einiges zu sagen. Das zeigte sich etwa in der Vielzahl der thematischen Zugriffe, von denen im Lauf des Tages zu hören war: Vom gesellschaftlichen Rahmenwechsel, den der Soziologe Gerhard Schulz ansprach über die Betrachtung des Wechselspiels zwischen Monopolisten und Nischenspielern die der Medientheoretiker Felix Stalder beschrieb bis zum Marketing mit Social Media am Nachmittag.

Natürlich war auch das Urheberrecht und dessen Wandel ein Thema: Überraschend, dass Dirk von Gehlens Plädoyer für einen neuen Umgang mit dem Original nicht auf grösseren Widerspruch stiess.Einige visuelle Leckerbissen offerierte der Filmspezialist Michael P.Aust mit seinem reich illustrierten Referat zum Thema Youtube als Strartrampe in die kreative Zukunft.

Eine weitere Feststellung, daraus abgeleitet, drängt sich auf: Der Informations- und Diskussionsbedarf ist gross. Dabei zeigt sich, dass auch heute der Stand des Vorwissens ganz unterschiedlich ist. Zwar hat Facebook heute in der Schweiz über 2.5 Millionen Benutzerinnen und Benutzer. Längst nicht alle Teilnehmer des Symposiums sind aber mit Social Media vertraut und noch weniger wissen im Einzelnen, wie Facebook und Twitter für die eigenen Anliegen genutzt werden können. Dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Dialog mit dem Publikum und dem Verkauf von Theatertickets gehört dann bereits zu den Raffinessen des Themas.

Zum Informationsbedarf gehört auch das Bedürfnis nach Vertiefung. So interessierte neben dem Umgang mit Social Media im Kulturmanagement auch die Musikproduktion mit iPhone und iPad oder die Möglichkeiten des Videosamplings. Etwas abseits vom grellen Scheinwerferlicht hat sich in den Bibliotheken ein fundamentaler Wandel vollzogen: Handschriften des Mittelalters und wertvolle Bücher aus der Frühzeit des Buchdruckes stehen in zunehmenden Mass in hoher digitaler Qualität zur Verfügung.

Dass diese Digitalisierung mit aufwendiger Handarbeit verbunden ist, demonstrierte ein Mitarbeiter der Zentralbibliothek Zürich anhand eines botanischen Prachtbandes, der im Lauf des Tages Seite um Seite eingescannt wurde. Und auch die Schätze zeitgenössischer Wissenschaft, digital gespeichert in zehntausenden von wissenschaftlichen Zeitschriften, würden auch einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, wenn sie denn den Weg in die Bibliothek findet. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des entsprechenden Workshops der ETH Bibliothek Zürich werden diesen Weg ohne Zweifel schon bald unter die Füsse nehmen!

Der Siegeszug von Internet und Digitalisierung waren von allem Anfang in den 90er Jahren ein Thema, das polarisierte. Utopische Visionen standen an Orwell orientierten Dystopien und Beschwörungen gegenüber. Das hat sich auch bald 20 Jahren nach den Anfängen nicht geändert: Nur sind beide realistischer geworden. Die mühelose Verbreitung von Information, Ideen und Daten einerseits und die Möglichkeiten des Zugriffes auf eine unvorstellbare Menge von Personendaten mit Profilen, Vorlieben, angereichert mit demografischen, geografischen und weiteren Daten.

Dass die ganz Grossen dabei das Geschäft machen würden, war zu erwarten. Nur konnte damals niemand ahnen, in welchen Dimensionen sich Giganten wie Apple, Google, Amazon und Facebook bewegen würden – dies gilt sowohl in Bezug auf die zu bewältigenden Daten als auch die zu erwarteten Profite.

Dass die globalisierte Kulturindustrie sich auf die Seiten der Grossen schlagen würde, wie dies der Soziologe Felix Stalder glaubt, ist wohl keine gewagte Prophezeiung. Damit dürften auch die vorschnell als überholt bezeichneten Gedanken von Adorno und Horckheimer und ihrer Frankfurter Schule wieder neue Aktualität erhalten. Die Vorherrschaft der immer mächtiger werdenden Kulturindustrie war nämlich ein Leitmotiv ihrer vielzitierten „Dialektik der Aufklärung“ aus dem Jahre 1947. Und dass sich die Kontrollmechanismen im Jahr 2012 bereits in die Software festschreiben lässt, wie dies Inke Arns in ihrem nachdenklichen Schlusswort beschrieb, kann aus dieser Perspektive auch nicht mehr erstaunen.

Dominik Landwehr
Referate und Panels des Symposiums stehen als Audio-Podcasts zur Verfügung
Weiterhin aktuell sind auch die Interviews mit dem Autor Dirk von Gehlen, dem Filmspezialisten Michael P.Aust und der Kuratorin und Kulturwissenschafterin Inke Arns.



Publiziert von Dominik Landwehr am 26.01.2012 15:47 in Lesen


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