28.07.2011

Medien-Geschichte(n): Videorecorder, Tonbandgerät

Mediengeschichte ist mehr als Geschichte von Institutionen, Ideen und Technologien. Es ist auch die Geschichte von Apparaten wie des Tonbandgerätes oder des Videorecorders.


Diese Einsicht ist nicht neu und doch hat sie sich erst wenig in konkreten Studien niedergeschlagen. Wer sich aufmacht, die Apparate-Geschichte von Radio und Fernsehen, Tonband, Filmkamera und Videorecorder, Computer und Mobiltelefon zu erkunden wird bald feststellen, dass es ganz wenige brauchbare Einzelstudien gibt.

So ist es etwa beim Videorecorder. Siegfried Zielinskis Geschichte des Videorecorders erschien bereits 1986 und wurde 2010 neu aufgelegt und dürfte trotz des prohibitiv hohen Preises von 99 Euro erneut auf grosses Interesse stossen. Zielinskis Blick geht weiter über die Technikgeschichte im engeren Sinn hinaus. Tatsächlich ist die Technologie des Videorecorders in Zeiten der Digitalisierung eine exotische Spezialität, der Übergang zum Computermedium ein wichtiger Einschnitt. Erst die Technologie des Videorecorders hat den Film den Verleihern, den Lichtspielhäusern und den Fernsehanstalten entrissen und in die Stube gebracht. Grosse Bedeutung hatte diese Erfindung denn auch für die Kunst.

Im gleichen Verlag erschien 2010 ein umfangreiches Werk zur Geschichte des Tonbands: Zeitschichten: Magnetbandtechnik als Kulturträger. Erfinder Biographien und Erfindungen. Als Autoren zeichnen Friedrich Engel, Gerhard Kuper und Frank Bell. Das Buch ist mit 149 Euro noch teurer als die Neuausgabe von Zielinskis Geschichte des Videorecorders. Allerdings hat das grossformatige Werk mit über 700 illustrierten Seiten auch einen fast schon monumentalen Umfang.

Interessant gleich die Beobachtung, die am Anfang des Buches steht: Die Magnetbandtechnik – mit dem Siegeszug des Computers ebenso obsolet geworden wie der Videorecorders – hat nie ein ähnlich grosses Interesse gefunden wie etwa die Geschichte der Schallplatte, der Fotografie oder des Films. Das umfangreiche Buch fokussiert auf die Hersteller AEG und BASF und ist weit stärker technisch ausgerichtet als Zielinskis Geschichte des Videorecorders.

Wo liegen die Gründe für das geringe Interesse an der Magnetbandtechnik? – Es mag sein, dass Bildmedien in unserer so bildorientierten Zeit generell stärker interessieren. Zielinskis Buch wäre dann die Ausnahme von der Regel. Dies könnte aber zutreffen, denn tatsächlich ist jenes Feld seit der Publikation 1986 wenig gepflegt worden.

Nichts zu finden ist im Buch „Zeitschichten“ über die Schweizer Geschichte. Dabei haben die Firmen Kudelski und Studer Revox Technikgeschichte geschrieben: Kudelskis mit dem tragbaren Tonbandgerät Nagra, das 1958 auf den Markt kam und Studer mit Tonbandgeräten für Profis, die unter dem Namen Studer vermarket wurden sowie Geräten für anspruchsvolle Amateure, die unter dem Namen Revox verkauft wurden.

Einige Hinweise zur Geschichte – und zum Niedergang der Schweizer Apparate-Industrie finden sich im umfassenden Werk von Hans-Peter Bärtschi „Die industrielle Schweiz vom 18.bis ins 21.Jahrhundert. Aufgebaut und ausverkauft.

Wer sich für wissenschaftsgeschichtliche Zusammenhänge interessiert dürfte mit Gewinn zum kleinen Band „Was waren Medien“ greifen, der von Claus Pias herausgegeben wurde: Er vereinigt Aufsätze von Joachim Paech, Dieter Daniels, Wolfgang Hagel und Lorenz Engell. In den 80er Jahren hat im deutschsprachigen Raum eine neue Beschäftigung mit Medien begonnen. War die ehedem bekannte Publizistikwissenschaft soziologisch orientiert, so bediente sich der neue Wissenschaftszweig einer kulturwissenschaftlichen Sichtweise.

Siegfried Zielinski: Zur Geschichte des Videorecorders. Neuausgabe des medienwissenschaftlichen Klassikers. In: Weltwunder der Kinematographie. Beiträge zu einer Kulturgeschichte der Medientechnik. Herausgegeben von Joachim Polzer. Band 10/2010. Potsdam: Polzer 2010.
Friedrich Engel, Gerhard Kuber, Frank Bell: Zeitschichten: Magnetbandtechnik als Kulturträger. Erfinder-Biografien und ihre Erfindungen. Weltwunder der Kinematographie Band 9/2.2010.Herausgegeben von Joachim Polzer. Potsdam: Polzer 2010.
Claus Pias: Was waren Medien. Zürich: Diaphanes 2011
Hans-Peter Bärtschi: Die industrielle Schweiz vom 18. Ins 21.Jahrhundert. Aufgebaut und ausverkauft. Baden: Hier und Jetzt 2011.



Publiziert von Dominik Landwehr am 28.07.2011 10:18 in Lesen


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