10.01.2011

Magnetismus im Kontext der Geistesgeschichte

Magnetismus ist eine rätselhafte Kraft und weit mehr als nur das Geheimnis des Kompass. Im Buch „Magnetismus – Eine Geschichte der Orientierung“ von Nils Röller ist Magnetismus weit mehr als nur ein zu erklärendes physikalisches Phänomen. Der Autor schreibt nämlich gewissermassen eine Geistesgeschichte des Magnetismus.

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So leistet Nils Röller eine zweifache Arbeit: Er stellt die Geschichte des Magnetismus dar und erforscht gleichzeitig den geistesgeschichtlichen Kontext. Jede Zeit und jede Kultur hat nämlich das Phänomen des Magnetismus im Kontext ihres jeweiligen Wissens beschrieben. So beschränkt sich die Untersuchung von Nils Röller auch auf jene Zeit, aus der schriftliche Zeugnisse bekannt sind, auch wenn der Autor annimmt, dass frühe Jäger schon Nordlichter beobachtet haben müssen.

Seine Geschichte setzt ein mit der Antike: Plinius berichtet vom Hirten Magnes, dessen Sandalen von einem magischen Stein festgehalten wurde. Nicht weniger als 55 antike Autoren beschreiben das Phänomen der Anziehung, die von einem bestimmten Stein ausgeht. Für Thales hatte der Stein deshalb eine Seele. Das Phänomen Magnetismus war bekannt, nicht aber die Richtkraft des Magnetismus.

Anders in China, im „Reich der Zeiger“ wie der Autor es nennt: Dort kannte man schon im 4.Jahrhundert v.Chr. die Richtkraft des Steines und stellte magnetisierte Nadeln her, die den Weg weisen konnten und baute damit Kompasse, nicht selten in Form eins Tieres: Fischkompasse für die Seefahrt, Kompasse in Schildkrötenform für den Landweg.

Erst im Mittelalter gelangte das Wissen von der richtungsweisenden Kraft nach Europa. Auf welchen Wegen ist unklar, möglicherweise aber über den arabischen Raum. Die Richtkraft des Kompass wurde damit just in einer Zeit der technologischen Veränderungen bekannt – zur gleichen Zeit als Steigbügel aus der asiatischen Steppe die Reitkunst revolutionierten, das Heckruder die Schifffahrt veränderte und das Zeichen für die Null in die Mathematik eingeführt wurde. 1187 erwähnte der Naturforscher Alexander Neckam die richtungsweisende Nadel. Der Kompass etablierte sich in der Seefahrt und aus dem Mittelalter stammt auch die heute noch übliche Einteilung in 32 Sektoren. Im 16.Jahrhundert steigt die Nachfrage nach solchen Geräte sprunghaft an, Grund war die steigende Bedeutung der Seefahrt.

In die frühe Neuzeit fällt auch der Beginn der systematischen Experimente mit dem Magnetismus. Erklären konnte man ihn allerdings auch in der Epoche der Aufklärung nicht. Dies blieb dem 19.Jahrhundert vorbehalten. Johann Wilhelm Ritter entdeckte Ende des 18.Jahrhunderts dass Elektrizität und Magnetismus auf eine gemeinsame Kraft zurück geführt werden konnte, seine Untersuchungen bildeten den Hintergrund für die Erfindung des Telegrafen, den Samuel Thomas Sömmering 1809 zum ersten Mal vorführen konnte. Brauchbare physikalische Erklärungen lieferten dann Carl Friedrich Gauss und James Clerk Maxwell.

Telegrafie war die erste einer Reihe von medientechnischen Erfindungen, die im Kontext magnetischer oder elektrischer Versuchsanordnungen möglich wurden. Sie führte zu Geräten, die nur noch wissenschaftlich oder technisch ausbildete Personen nachbauen oder reparieren konnten. Seit dem 19.Jahrhundert haben sich denn auch die Anwendungen multipliziert. Beispiele dafür sind die Elektronenröhre, die Computer und Speichertechnik wäre ohne genaue Kenntnisse des Magnetismus undenkbar. Die Entdeckung der Magnetresonanz führte zu einer neuen Kategorie von bildgebenden Geräten in der medizinischen Diagnostik – man braucht kein Prophet zu sein um vorauszusagen, dass die Geschichte auch mit dieser Erfindung nicht an ihr Ende gekommen ist.

Die Geschichte des Magnetismus als physikalischem Phänomen ist aber nur eine Seite der Darstellung von Nils Röller. Besonderes Gewicht legt er auf die Beschreibung der geistesgeschichtlichen Komponenten. Hier wird vom Leser denn auch einiges abverlangt, denn diese Gedankengänge sind nicht immer einfach nachzuvollziehen. Röller breitet hier ein wahres Panoptikum der Ideengeschichte aus – angefangen von den Ideen der Antike über die Seele des Steines, über die chinesische Vorstellung vom Fengshui, der Vermittlung zwischen Mensch und Kosmos bis zu den abenteuerlichen Ideen des barocken Jesuitengelehrten Athanasius Kircher. Er sah im Magnetismus eine kosmische Kraft, die den Mikro- und Makrokosmus verbindet.

Besonderes Augenmerk zollt der Autor auch modernen Autoren aus der schönen Literatur wie etwa Adalbert Stifter oder Ezra Pound. In den Dichtungen der beiden spielte der Magnetismus eine wichtige Rolle. Dass auch magische Vorstellungen überlebt haben zeigt der Autor schliesslich in einem Kapitel, das den Magnetismus in der Kunst des 20.Jahrhunderts untersucht. Hier wird Magnetismus auch zur Visualisierung innerer Zustände benutzt. Und das verbindet ihn schliesslich auch mit dem geheimnisvollen Kompass des Piratenkapitäns Jack Sparrows im Film „Der Fluch der Karibik“.

Nils Röller: Magnetismus. Eine Geschichte der Orientierung. München: Wilhelm Fink Verlag 2010. Zum Verlag

Blogeintrag in „Romanform“

Weitere Texte von Nils Röller im „Journal für Kunst Sex und Mathematik“



Publiziert von Dominik Landwehr am 10.01.2011 08:03 in Lesen




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