04.01.2011

Culturomics – eine neue digitale Wissenschaft vom Buch?

Google hat in den letzten Jahren angefangen, Bücher aus Bibliotheken im grossen Stil zu digitalisieren. In die Diskussion um dieses Unterfangen kommt nun mit einem Artikel im renommierten Wissenschaftsmagazin „Science“ neuen Schub und Optimisten sehen schon den Beginn einer neuen Wissenschaft unter dem Namen Cultural Humanities oder Culturomics am Horizont auftauchen…


Angefangen hatte die Digitalisierungsoffensive von Google unter dem Begriff „Google Books“ vor einigen Jahren. In Europa war sie mit gemischten Gefühlen aufgenommen worden – immerhin beteiligen sich die Staatsbibliothek München und die Universitätsbibliothek Lausanne am Projekt.

Die Anzahl der Bücher, die auf diese Art und Weise erfasst wurde, soll mittlerweile über 15 Millionen betragen.Das ist nicht wenig: Total sollen seit Erfindung des Buchdrucks 130 Millionen Bücher publiziert worden sein…

Ein interdisziplinär zusammengesetztes Forscherteam von 12 Harvard-Wissenschaftern hat einen Drittel oder rund 5 Millionen einer eingehenden Analyse unterzogen und die Resultate davon im Dezember im Wissenschaftsmagazin Science veröffentlicht. Untersucht wurden englische, französische, spanische, deutsche, chinesische, russische und hebräische Texte und insgesamt mehr als 500 Milliarden Wörter. Das Resultat erscheint je nach Standpunkt banal oder aufregend. So stellten die Forscher etwa fest, dass sich der kulturelle Wandel in jüngerer Zeit beschleunigt. Personen werden schneller berühmt und ebenso schnell wieder vergessen. Der Wortschaft der englischen Sprache – dies eine andere Erkenntnis – hat sich in 100 Jahren von einer halben auf eine ganze Million Wörter verdoppelt.

Die Instrumente dazu stellt Google unter dem Begriff Google Ngram Viewer online zur Verfügung. Damit lässt sich das Korpus von 5.2 Millionen Bücher statistisch durchforsten, die einzelnen Texte lassen sich aber – offenbar aus urheberrechtlichen Gründen – nicht aufrufen.

Die Digitalisierung von derart riesigen Datenmengen öffnet neue Perspektiven. Unklar ist im Moment noch welche. Das ist in der Geschichte der Wissenschaft nicht ungewöhnlich. Immerhin gibt’s bereits zwei Fachbegriffe für diese neue Disziplin: Culturomics oder Digital Humanities.

Spekulieren kann man – wie etwa die NZZ in ihrer Ausgabe vom 29.Dezember 2010 – über die kulturellen Aspekte dieser Entwicklung. Klar ist, dass sich im Zeitalter der Volltextsuche das Leseverhalten des Publikums ändert. Leserinnen und Leser werden zu Nutzern. Ob das ein Gewinn oder Verlust ist, wird sich weisen und möglicherweise werden sich Kulturoptimisten und –Pessimisten an dieser Frage scheiden…

Die NZZ hat am 29.Dezember in einer Reihe von Artikeln über das Projekt und dessen Implikationen berichtet. Die Artikel sind leider (noch) nicht online.

Science vom 17.Dezember 2010: John Bohannon Google Opens Books to New Cultural Studies
Und hier gehts zur eigentlichen Studie im Science Magazin vom 16.Dezember 2010 Quantitative Analysis of Culture Using Millions of Digitized Books Nur Abstract gratis.Der Artikel kann aber in Hochschulbibliotheken heruntergeladen werden.

Peter Haber und Jan Hodel verfolgen diese Entwicklung in ihrer Website histnet kontinuierlich

Google Ngram Viewer: http://ngrams.googlelabs.com/

Website www.culturomics.org

Wikipedia Artikel zum Stichwort „Digital Humanities“



Publiziert von Dominik Landwehr am 04.01.2011 09:38 in Nachdenken


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