12.08.2010

Survival-Training und dialektische Medienkunst

Seit vier Jahren bietet der Basler Projektraum Bblackboxx im Sommer ein kulturelles Programm an, das vor allem an die AsylbewerberInnen des nahegelegenen Basler „Asyl- und Empfangszentrums“ gerichtet ist. Dieses Jahr hat die Bblackboxx-Initiantin Almut Rembges die britischen Künstler Heath Bunting und James Kennard eingeladen.

Digitalbrainstorming.ch widmete deren Workshop-Reihe „Phone Home Haraga, Heath Bunting & James Kennard“ schon zwei Beiträge. Diese relativ rege Berichterstattung auf einem der Medienkultur verpflichteten Blog provoziert die Frage: Was haben die „Abenteuer-Training-Camps“ von Bunting und Kennard mit Medienkunst zu tun? Überlegungen zu einem irationalen Verhältnis.


Bunting und Kennard haben in Basel zwei Wochen lang das getan, was sie, unter anderem auch zu Hause in Bristol regelmässig tun: sich üben in Techniken wie Steinewerfen oder das Klettern auf Bäumen oder den Einsatz von Seilen. Doch Bunting und Kennard sind nicht einfach Outdoor-Spezialisten. Survival-Techniken machen ihnen offenkundig und zugegebenermassen Spass, unbedingt; aber zugleich verstehen sie diese Techniken als eine Reflexion über unsere hochtechnisierte und hochmedialisierte Gesellschaft.

Es ist keine Reflexion in Worten, sondern eine Reflexion in Taten. Man könnte auch sagen: eine Reaktion mit Symbolwert. In einer Kurzbiographie auf seiner Website www.irational.org/heath packt das Bunting in die selbstbewussten Aussage, er sei Britanniens wichtigster „practising artist“. Und in Bezug auf den Zustand unserer Gesellschaft, auf den Bunting und Heath reagieren, erklärt Kennard resolut: Unsere Zivilisation ist im Niedergang begriffen (We are in decline!).

Steinewerfen stand am Anfang unserer Zivilisation, es ist eine ganz frühe Technologie des Menschen, erklärte Kennard am Rande eines der Bblackboxx-Workshops von letzter Woche. Solche einfachen Techniken haben zu tun mit Kraft, mit Gewalt (Violence), aber zugleich mit Splendour, mit Schönheit, mit Dramatik, erklärt Kennard (vgl. sein kleines Video-Manifest). Die Schnellstrasse, die gleich hinter dem Projektraum Bblackboxx vorbeiführt, so Kennard, sei auch ein Beispiel für menschliche Technologie, sie stehe auch für eine Form von Violence, sie sei eine technologische Höchstleistung. Aber für Kennard verkörpert sie eine destruktive Form von Violence.

Aber die Kunstausübung von Kennard und Bunting, ihr Versuch einer alternativen Ausübung von Violence, sollen mehr sein als nur ein Kommentar in nonverbaler Form. Bunting beansprucht für seine Kunstpraktiken Nützlichkeit: Sein Ziel sei es, so Bunting in seiner Kurzbiographie, ein „skillful member of the public“ zu werden. Nicht Weltflucht oder Ausstieg, sondern die Suche nach einem nützlichen Leben innerhalb der Zivilisation, aber zugleich in Distanz zu dieser. Inmitten der Gesellschaft und trotzdem in möglichst grosser Freiheit zu leben, das könnte man als Buntings höchste – angestrebte – Fertigkeit (skill) bezeichnen.

Dieses dialektische Verhältnis von Drinnen und Draussen, von Partizipation und Rebellion, pflegt Bunting auch zum technischen Medium Nummer Eins, zum global vernetzten Computer. Mitte der 90er Jahren galt Heath Bunting als der Netzkünstler schlechthin, aber schon 1997, als der Internet-Hype auf seinem Höhepunkt war, hat er sich eigenhändig für pensioniert erklärt und sich aus der damaligen Szene zurückgezogen. Aber dieser Befreiungsschlag bedeutete für Bunting, den Begründer der KünstlerInnen-Plattform www.irational.org, keine Abkehr von intensiver Auseinandersetzung mit dem Computer. Doch Kommunikationsmedien aller Art in grösstmöglicher Freiheit benutzen und gerade nicht so, wie die Gesellschaft und die Kunstwelt es von ihm erwartet, das war und ist ein Ziel Buntings.

Ein Modellflugzeug und ein digitales Kamerasystem in eine Drohne verwandeln und damit eine militärische Technik zu eigenen Zwecken umfunktionieren, wie das Bunting und Kennard in Basel gemacht haben (siehe unseren Bericht dazu), lässt sich als eine solche Fertigkeit interpretieren. Eine Fertigkeit, die die Wirklichkeit wie eine eng geschnürte Kravatte behandelt, die man etwas lockern muss, um besser atmen zu können. Jeder, der an einem Gefängnis vorbeispaziert ist (und der Weg zu Bblackboxx führt am Basler Ausschaffungsgefängnis Bässlergut vorbei) weiss, wie bedrückend der Anblick von Gefängnismauern auch nur schon von aussen ist. Plötzlich von oben auf das Ausschaffungsgefängnis sehen zu können (das unmittelbar an das eingangs erwähnte Asylzentrum angebaut ist) dank eigener Initiative und eigenem Können und ohne polizeiliche Erlaubnis: Das hat wohl etwas mit dem zu tun, was Kennard unter Violence im positiven Sinn und unter Splendour verstehen will.

Bildlegende: Am Ufer des Basler Flüsschens Wiese: James Kennard (Vordergrund) wählt einen Stein aus, derjenige von Heath Bunting fliegt gerade los. Ganz hinten die Bblackboxx-Projektleiterin Almut Rembges.
PS: Digitalbrainstorming-Blog zu Heath Bunting vom 11. Juni 2006 mit Link zu einem längeren Youtube-Selbstportrait des Künstlers.



Publiziert von Admin Deutsch am 12.08.2010 16:29 in Nachdenken


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