11.08.2010

Christian Waldvogel: Prothesengott dank Schweizer Luftwaffe

Christian Waldvogels künstlerische Fantasie ist existentiell abhängig von Technik, ja vereinigt sich mit Technik, und bietet zugleich Momente, in denen sich die künstlerische Idee gegen das Fegefeuer unserer technischen Zivilisation behauptet. Eben einen solchen Moment verdanken wir im Rahmen von Waldvogels aktueller Kunstaktion „The Earth Turns Without Me“ der Schweizer Luftwaffe. Am kommenden Samstag, 14. August, 16 Uhr, bietet Waldvogel eine persönliche Führung durch die Ausstellung Earth Extremes im Kunst(Zeug)Haus Rapperswil an. Die Ausstellung beleuchtet neben Waldvogels jüngstem, von der Luftwaffe assistiertem Projekt, das gesamte bisherige Schaffen des Schweizer Künstlers.

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Christian Waldvogel versteht sich nicht als Medienkünstler, aber praktisch alle seine Arbeiten stehen in engem Verhältnis zu technischen Phänomenen. Doch Medienkunst wird oft missverstanden als Kunst, welche die Entwicklung der technischen Medien ornamental begleitet oder pflichtbewusst kritisch reflektiert. Waldvogel hingegen behandelt technische Phänomene mit einer ganz eigenen Spontaneität und Direktheit, als Werkzeug zu seinen Handen, als faszinierendes Mittel, die Welt neu zu sehen. Oder er versteht solche technischen Phänomene gleich selbst als Teil der Welt. So zum Beispiel gehört zum gegenwärtigen Stand der Dinge, dass wir mit einem Kampfflieger mindestens so schnell fliegen können, wie die Erde sich um ihre eigene Achse dreht, also mit einer Geschwindigkeit von 1,158 km pro Stunde.
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Wer sich mit genau dieser Geschwindigkeit fortbewegt (Richtung Westen notabene), steht in Bezug zur Sonne still. Waldvogel konnte die Schweizer Luftwaffe davon überzeugen, ihn auf einen solchen Flug mitzunehmen und ihm zu erlauben, seine Flug-Kabine in eine Kamera umzuwandeln: Würde das einfallende Sonnenlicht trotz einer Bewegung von 1,158 km/h als Punkt auf dem Foto-Papier erscheinen? Würde Waldvogel also, aus Perspektive der Sonne, stillstehen?

Warum eine solche Aktion? Der Fotograf Jules Spinatsch, der das Projekt als Dokumentarist begleitete, spricht im Rahmen eines Beitrags des Magazins Kulturplatz des Schweizer Fernsehens unumwunden von einer gewissen „Absurdität“, welche das Projekt an sich habe; ein ungeheurer Aufwand, der betrieben werde, damit wir stehen blieben. Doch vielleicht sei das eine Metapher für die Menschheit an sich, spekuliert Spinatsch.
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Spinatsch‘ Deutung erinnert uns an eine Äusserung aus den Pionierzeiten der Medienkunst der 90er Jahre. Der niederländische Open-Source- und Netzkunstpionier Walter van der Cruijsen hatte damals in einem Interview mit dem Schweizer Netzmagazin Slash über das für Open-Source-Tüftler vertraute Phänomen nachgedacht, nächtelang über einem Programmierungsproblem zu brüten und am Ende mit leeren Händen da zu stehen. Er hatte dafür plädiert, diese Situation nicht nur als negativ, sondern als wichtige Erfahrung zu sehen. Eventuell deswegen, weil eine solche Erfahrung des Stillstands eine innere Distanz zum Diktat des technischen Fortschritts ermöglicht?

Die Ästhetik und der Nutzen des Stillstands: In einer solchen noch zu schreibenden kulturphilosophische Untersuchung würde sich Waldvogel also ebenfalls als Verwandter der Medienkunst-Geschichte erweisen. Und vermutlich würden Cruijsen wie Waldvogel Freud zustimmen, der er in seinem berühmten Aufsatz „Das Unbehagen in der Kultur“ vom Verhältnis zwischen Mensch und Technik schreibt: „Der Mensch ist sozusagen eine Art Prothesengott geworden, recht großartig, wenn er alle seine Hilfsorgane anlegt, aber sie sind nicht mit ihm verwachsen und machen ihm gelegentlich noch viel zu schaffen.“ Fest steht jedenfalls angesichts eines so vitalen und leidenschaftlichen Umgangs, dass sich Waldvogel auch in Zukunft am Hilfsorgan Technik zu schaffen machen wird!

Für die Ausstellungsführung, die Christian Waldvogel am Samstag, 14. August, 16 Uhr anbietet, kann man sich bei Waldvogel persönlich amelden mit E-Mail an christianwaldvogelatgmail.com.

Die Finissage der Ausstellung „Earth Extremes“ im Kunst(Zeug)Haus Rapperswil findet am Samstag, 22. August statt. Im Rahmen der Finissage, um 13 Uhr, wird ein Gespräch zwischen Christian Waldvogel und dem Kunstkritiker Jörg Heiser stattfinden. Heiser hat auch einen Essay zu dem opulenten Bildband „Earth Extremes“ beigesteuert, der dieses Jahr parallel zur gleichnamigen Ausstellung erschienen ist.

Weitere Informationen dazu auf Waldvogels Homepage www.waldvogel.com/.

Zum medienkünstlerischen Aspekt von früheren Arbeiten von Waldvogel siehe den Artikel Demiurgen-Würde und Netzkunst-Piraterie im Schweizer Medienkunst-Journal clickhere.ch vom 23. August 2005.

Bildnachweis: Christian Waldvogel



Publiziert von Admin Deutsch am 11.08.2010 15:18 in Hingehen


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