16.06.2010

Art Basel 2010: Swiss Art Award fuer Internet-Analysen der Kuenstler Wachter und Jud

Wie lässt sich die chinesische Fire-Wall umgehen? Wie lässt sich die Toplevel-Domain ti (ti für Tibet) installieren, obwohl die globale Poltiik diese Domain nicht zulässt? Wer vermutet, Wachter und Jud hätten sich mit solchen Fragen auf China eingeschossen, liegt falsch. Wachter und Jud geht es um globale mediale Phänomene – Firewalls gibt es auch in der Schweiz. Ihre neuste Fragestellung, für die sie gerade das Schweizer Kunststipendium „Swiss Art Awards“ bekommen haben: Wie werden in der Schweiz Internet-Blockaden gegen Kinderpornographie konkret gehandhabt? Das gesellschaftspolitisch und moralisch brisante Projekt „Blacklist“ ist an der Kunstmesse „Art“ in Basel zu sehen.

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Es existiert eine geheime Sperrliste, zu englisch blacklist, an die sich zehn Schweizer Internet-Provider halten, andere Provider nicht. Die Liste soll kinderpornographische Inhalte sperren: Wer solche gesperrten Inhalte aufruft, gelangt auf eine Seite von KOBIK, der Koordinationsstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität. Das aktuellste Kunstprojekt „Blacklist“ von Christoph Wachter und Mathias Jud bildet Teil der Sonderausstellung „Swiss Art Awards“ der Art Basel, die am Mittwoch ihre Tore öffnete.
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Mathias Jud (links) und Christoph Wachter.

Die Ächtung und Verfolgung des Kindsmissbrauchs zweifeln Wachter und Jud mit „Blacklist“ nicht an, das erklären sie ihrem Publikum in einem einführenden Text explizit, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Aber sie setzen sich in ihrer neusten Arbeit kritisch damit auseinander, wie die Gesellschaft derzeit gegen Kinderpornographie auf dem Netz konkret vorgeht; wie, von wem, auf der Basis welcher Kriterien entsprechende Inhalte auf dem Netz gesperrt werden.

Wie schon bei früheren Projekten von Wachter und Jud erfährt ihr Publikum dabei wieder viel über das Innenleben der globalen Maschine Internet. Und wiederum liegt der Teufel im Detail: Der künstlerische Kern von „Blacklist“ ist nicht nur die Erforschung medienpolitischer und -technischer Hintergründe, sondern mindestens ebenso sehr wahrnehmungstheoretisch: „Nicht der Nachweis der Sperre interessierte uns, sondern der Einfluss, den diese Sperren auf eine Bilderordnung und auf eine individuelle Ansicht ausüben.“

Schon Wachter und Juds allererstes Projekt Zone-interdite (2006), mit dem sie bekannt wurden, ging im Kern einer wahrnehmungstheoretischen Frage nach: Was geschieht, wenn wir unseren Blick auf verbotene Zonen richten oder nicht richten, oder nur halbwegs richten, auf „verbotene Zonen“ wie zum das Gefangenenlager Guantánamo?

„Die Präsentation enthält pornographische Bilder. Kein Zutritt unter 16 Uhren“: Die Mitteilung empfängt die Besucherinnen und Besucher von „Blacklist“. Denn Wachter und Jud setzen uns der unangenehmen Frage aus, welche die Internet-Provider ständig zu entscheiden haben: Was ist nun pornographisch, was (noch) nicht?

Die Installation ist im Rahmen der Ausstellung Swiss Art Awards (Messe Basel, Halle 3.2) noch bis und mit Sonntag, 20. Juni, täglich 10 bis 20 Uhr zu sehen.

Hintergrundinformationen und Diskussion zur derzeitigen Praxis der Internet-Blockaden kinderpornographischer Inhalte finden Sie unter anderem auf der FAQ-Website von KOBIK.

Vergleichen Sie mit Netzstiftung.org.



Publiziert von Admin Deutsch am 16.06.2010 20:52 in Hingehen


Keywords: [Cybercrime] [Gesellschaft] [Kinder]


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