14.05.2009

Grrrr@videotank – denn alles wird gut!

Seit drei Jahren sind die Forellenaquarien unter der Dreikönigsbrücke ein Kunstraum auf Passantenfang – und nun, nach drei Jahren, ist den KuratorInnen Anna Kanai, Tian Lutz und Nadja Baldini endlich ihr bestes Stück, ihr grösster Verwandter im Geiste der Stadteroberung, ist ihnen ihr tollster Hecht ins Netz gegangen: Ingo Giezendanner alias Grrrr, der streunende Zeichner von Zürich und andernorts. Carpfffffe diem, heute gilt es zu feiern: Um 18 Uhr ist Vernissage, wie immer unter der gleichen Brücke.


In seinem Roman „Die Spange“ erzählt der Schweizer Autor Michel Mettler von den Zürcher Wohngemeinschaften in besetzten Häusern der 80er Jahre. Schon damals, so Mettler, besetzte man Häuser halb nostalgisch und kopierte die grossen Tage vergangener Squatter-Heldentaten. In diesem Spätherbst der Hausbesetzung fand Ingo Giezendanner in der Wolgroth seinen Strich. Fünfzehn Jahre später ist der leerstehende Wohnraum – ist der Mensch, der Wohnraum leer stehen lässt, Mangelware. Und so trifft man sich heute abend bei den Forellen, die sich diesen Luxus noch leisten und das richtig: Die 1973 gebauten Aquarien waren nur kurz bevölkert, seit mehr als dreissig Jahren sind sie verlassen. Waren sie, bis Anna Kanai und Tian Lutz sie 2003 besetzten und damit vor dem Abbruch retteten. Immer noch retten und nur solange retten, wie sie ausharren. Wenn Videotank auszieht, wird diese letzte Hochburg der Besetzbarkeit abgerissen. Aber wieso in so düstere Gedanken verfallen? Weil es sich dann umso besser feiern lässt? Genau, würde Mettler sagen. Und zwar, um endlich zur Sache zu kommen, feiern mit Rhythmus, mit den Drums von Chris Jaeger Brown, der die Eröffnung von Grrrrs Videoarbeit begleiten wird. Dass diese dreiteilig ist, wie der Pressemeldung zu entnehmen ist, mag nicht erstaunen, sondern lässt hoffen, dass Grrrr die Arbeit eigens für die drei Aquarienfenster gemacht hat, die Videotank als Bildschirme dienen. Dafür, dass genau dies der Fall ist, spricht auch der Umstand, dass Giezendanner auf die Videotank-Wände zeichnet; dass er also den ganzen Raum und nicht nur den Nagel zum Aufhängen der Video-Bilder im Auge hat; dass er über den Aquarienrand hinaus und sich zeichnerisch in das kühl-schummrige Dunkel der Unterführung mit hauseigenem Fluss hineindenkt.

Warum aber sollen Grrrr und Videotank zusammengehören? Der Forellenheim-Wolgroth-Strich soll etwa nicht reichen? Dann gibt es nur noch etwas, was die zwei vereint und was man sehr altmodisch mit einem verwandten Geist bezeichnen kann. Was soll das sein? Waren Sie schon einmal im Videotank unter der Woche, wenn nichts los, wenn nicht Vernissage ist? Ich auch nicht, aber Sie müssen nicht einmal unten sein; in der Nähe zu sein und an ihn zu denken, genügt schon. Sie wissen, dort hinten ist er und im nächsten Moment haben Sie ihn vergessen, weil Sie beim Bellevue umsteigen müssen, weil Sie einen Bekannten sehen, weil Sie schon wieder zu spät zur Uni kommen. Doch dieses Gefühl eines Ortes abseits der ratternden Tramräder und der üblichen Wege, aber doch ganz in der Nähe; dieses Gefühl eines Ortes oder eines Menschen, der ganz nahe ist und doch für sich, das haben der Zeichner Giezendanner und Videotank gemeinsam. Wenn Sie es konkreter wollen, was Ihnen niemand verdenken kann, dann schauen Sie heute abend vorbei.

Die Ausstellung ist vom Freitag, 15. Mai, bis Freitag, 26. Juni 2009 zu sehen. Ingo Giezendanners Werk finden Sie online unter www.grrrr.net.

Weitere Informationen zur Ausstellung und zum Videotank unter www.videotank.ch.

Wer sich für Giezendanners Verwandtschaft mit der Medien- und Netzkunst interessiert: Hier ein Interview mit Giezendanner zu dieser (konkreteren) Verwandtschaft zwischen Ausstellungsort und Künstler auf www.clickhere.ch.



Publiziert von Admin Deutsch am 14.05.2009 14:51 in Hingehen


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