03.03.2008

Das europäische Kulturportal Europeana und eine helvetische Vorarbeit

Heute meldet die Schweizerische Nationalbibliothek die ersten Schritte der Europeana, eines visionären Projektes der Europäischen Digitialen Bibliothek. Die Website www.europeana.eu soll in Zukunft Millionen von digitalisierten Dokumenten und Werken aus Europas Archiven, Museen, Bibliotheken und audiovisuellen Sammlungen über ein einziges Portal zugänglich machen. Die Meldung markiert – notabene nur erst eine Absichtserklärung – einen Meilenstein für das hehre Internet-Prinzip des möglichst ungehinderten Zugangs zu Information – und gibt Anlass, sich eines Schweizer Pionierprojektes, der Datenbank Schweizerischer Kulturgüter (DSK), zu erinnern. Denn diese hat – ganz unschweizerisch verfrüht – diesen Traum schon vor mehr als 15 Jahren geträumt, und dies exklusiv für die Schweiz.


Der Link der Datenbank Schweizerischer Kulturgüter, www.dsk.ch, gibt es nicht mehr, und wo man bei einer Suchdienst-Abfrage auf noch funktionierende Links stösst, die von der DSK handeln, gerät man ins Schattenreich der 90er Jahre, auf längst abgelegte Archivseiten, oder Seiten, die man vermutlich nur vergessen hat zu löschen. Die DSK insgesamt ist vergessen und die Initianten, die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW), der Verband der Museen der Schweiz und der Schweizerische Kunstverein, tun offenbar nichts, an das Projekt zu erinnern. Verständlich einerseits, denn es handelt sich dabei um eines dieser berüchtigten hochfliegenden und teuren Projekte aus den Pionierzeiten des Internet. Andererseits stellt die DSK als Pionierprojekt eine auch in ihrem Scheitern faszinierende Schweizer Vorarbeit zur Europeana dar.

Genaugenommen begann die DSK noch vor dem Internet-Boom der 90er Jahre, noch zu Grossrechner-Zeiten. Sie sollte für alle Schweizer Bestände eine einheitliche Suchabfrage entwickeln. Alle Museen sollten ihre Bestände nach der von der DSK entwickelten Systematik digital erschliessen. Mit der föderalistischen „Vielfalt in der Einheit“ war diese Top-Down-Vision nicht kompatibel und auch die Umstellung aufs Wordwideweb im Jahre 1994 brachte der DSK nicht die nötige Akzeptanz. Ein mehrjähriges Ringen, ja vielleicht von Anfang an eine Agonie, folgte, bis Ende der 90er Jahre der Traum eines gesamtschweizerischen Datenbank-Portals für Kulturgüter erst einmal ausgeträumt war (vgl. NZZ, Medien, 29.08.98).

Auf ihrer Homepage bekennt sich die Eurepean Digital Library EDLnet (European Digital Library-network), die Initiantin des Projektes Europeana, zu folgendem Grundprinzip: „As no solution can be imposed from above and progress can only be made by consent, the network aims to establish trust between the institutions for future sustainability of a joint portal at the same time as finding common technical solutions to interoperability issues.“

Vielleicht gehört die DSK vor allem ex negativo zur Vorgeschichte der Europeana: indem sie vor Augen führt, wie man solche Grossprojekte vor den Zeite der „Social Software“ anpackte und dies in Zukunft besser sein lässt. Aber gerade heute wissen wir, dass Fehler produktiv sind und fest zur Vorgeschichte eines Erfolges gehören. Mit Sicherheit gehört die DSK zur Geschichte der Schweizer Informationsgesellschaft.



Publiziert von Admin Deutsch am 03.03.2008 20:11 in Nachdenken


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