05.09.2007

Forever Pong

Hat sich mal jemand gefragt, was so viele Menschen daran fasziniert, stundenlang einem kleinen weissen Ball hinterherzuschauen, den zwei andere vor ihrer Nase von einer Seite eines Netzes auf die andere hüpfen lassen und wieder zurück?
Wohlmöglich gibt es mehr als einen Grund. Einer dürfte jedoch sein: Die Faszination per se.

fpm_ksw.gif
Und zwar nicht nur für die sportlichen Leistungen auf dem Platz. Sondern eben jene Magie an sich, die schnell überspringt, wenn ein nachgerade grundprimitives Set (zwei Spieler mit schlichten Schlägern, ein zweigeteiltes Feld, ein Ball, ein überschaubares Regularium) andere derart lange und intensiv beschäftigen kann.

Das ist nicht zuletzt: Reine Empathie. Und insofern war es vermutlich genialisch konsequent bzw. konsequent genial, dieses grundprimitive Set in seinen Basis-Bestandteilen auf ein Computerspiel zu übertragen.

Wie sonst liesse sich der durchschlagende und vor allem anderen: anhaltende Erfolg eines Bildschirmvergnügens erklären, bei dem die Beteiligten ihre Punkte sammeln, indem sie mittels zwei einfacher, lediglich vertikal bewegbaren weissen Balken einen Pixelklumpen hin- und herfliegen lassen?

Dass Pong – das Computerspiel, von dem hier die Rede ist – nicht nur Kultstatus hat, sondern auch zahlreiche Künstlerinnen und Künstler dazu animieren konnte, sich in kreativen Weiterentwicklungen zu versuchen, belegt die Ausstellung pong.mythos, die nach Stationen in Stuttgart, Leipzig und Frankfurt aktuell im Kornhausforum Bern gastiert. Mehr zu dieser absolut sehens- und (sic:) spielenswerten Schau, die von Andreas Lange – dem Initiator und Leiter des (übrigens nach wie vor heimatlosen) Berliner Computerspielemuseum – kuratiert wurde, auf den Heimseiten des Projekts. Dort lassen sich nicht nur die Katalogessays online nachlesen, sondern auch ausführliche Informationen zu den einzelnen Exponaten finden – von denen einige auch direkt dazu einladen, die eine oder andere Runde Kunst-Pong zu daddeln. Mehr dazu in der Nachbarschaft im Archiv des HOME MADE-Blogs sowie, damals noch zur Stuttgarter Station im Württembergischen Kunstverein, im Kunst-Bulletin vom April 2006.
fpm_g1.gif
Wer jedoch zudem neugierig auf fundiertere Überlegungen zur Entstehungsgeschichte des Spiels, also vielleicht auch ernsthaft an einer Antwort auf die eingangs gestellte Frage interessiert ist, sollte sich an diesem Donnerstag (06.09.07) nach Bern begeben. Dann wird nämlich Claus Pias – Medienwissenschaftler und derzeit Professor für Erkenntnistheorie und Philosophie der Digitalen Medien an der Universität Wien – vor Ort im Kornhausforum im von digital brainstorming organisierten Begleitprogramm einen Vortrag zum Thema halten, in dem er von der sage und schreibe: sogar dreifachen Erfindung von Pong zu berichten verspricht.

Lesefreudige können sich für Vortrag und Diskssion vielleicht schon mal mit der Lektüre des einen oder anderen Aufsatzes vorbereiten, denn Pias hat zum Thema Computerspiele bereits weidlich publiziert – und einige Texte sind im Archiv seiner ehemaligen Essener Heimseiten auch als pdfs abrufbar. Und wenn es gern ein bisschen mehr sein darf: Seine 2002 bei diaphanes in Buchform erschienene Dissertation Computer Spiele Welten gibt es – da zunächst an der Bauhaus Universität Weimar elektronisch publiziert – über den dortigen Bibliothekskatalog ebenfalls im Netz.

Aber möglicherweise ist man bereits bestens präpapiert, wenn man vor dem Vortrag ein paar Stunden in der Ausstellung pong.mythos selbst verbringt. Zum einen, weil praktische Erfahrung noch immer das beste Fundament für theoretische Reflexionen vorstellt. Und zweitens weil die Schau selbst Computerspielgeschichte und deren Reflexion gleichermassen bietet – nämlich in den künstlerischen Arbeiten, die auf unterschiedliche Aspekte des Spiels fokussieren. Spielen und Lernen sozusagen – das zudem mitnichten so drakonisch ausfallen muss, wie im Fall der Pain Station. Nein, manchmal dürfen es auch einfach zwei weisse Balken und ein Puck aus Pixeln sein…

[Bildchen: Wie vermutlich unschwer zu erkennen, nicht etwa ein eleganter Screenshot des Originals. Sondern grad mal selbstgebastelt. Was neben den schiefen Linien und falschen Proportionen allerdings noch eine kleine Transferleistung verraten sollte, die wir uns wenn schon, denn schon, gegönnt haben…]



Publiziert von miss.gunst am 05.09.2007 00:16 in Spielen


Keywords: [Wikipedia]


Ausserdem