26.07.2007

„The Medium is the Message“ oder: Medienkunst für Vandalen?

Das Zürcher Künstlerteam Publiclab experimentiert mit digitalen Installationen im öffentlichen Raum. Der *Videotank“ unter der Zürcher Dreikönigsbrücke funktioniert seit anderthalb Jahren unangefochten, zwei zweitere Installationen von Publiclab jedoch wurden Opfer von Vandalismus. Kinderkrankheiten oder gibt es eben doch Grenzen für die digitale Verwandlung eines Stadtraums? Ein kurzes Gespräch mit Anna Kanai von Publiclab zum Stand der Dinge.


Das Schönberg-Quartier in Fribourg, über dem wildromantischen Fluss der Sarine gelegen, wird von 89 Nationen bewohnt. Es besteht aus einem Villenquartier-Teil, der andere Teil lebt in Plattenbauten. Aus letzteren speist sich das babylonische Sprachgemisch. Das Zentrum des Quartiers ist ein Verkehrsknotenpunkt, in der Unterführung haben Tian Lutz und Anna Kanai einen Punching-Ball aufgehängt, in dem Audio-Geräte dafür sorgen, dass die Passanten angesprochen werden. Und zwar möglichst in allen Sprachen, mittlerweile ist Publiclab schon bei 20 Sprachen, darunter Polnisch oder Äthiopisch, angelangt. Mit einer Postkarten-Aktion ruft das Team dieser Tage die Bevölkerung auf, gesprochene Beiträge zum Projekt namens „Unter die Haut gehen“ beizusteuern.

„The Medium is the Message“: Offenbar gibt es aber Leute, die sich eher durch die technischen Geräte an sich statt durch ihre Botschaft ansprechen lassen. Kürzlich versuchte man offenbar, die sehr massive Kugel klammheimlich abzuhängen. Kanai und Lutz vermuten, dass die Leute versuchten, an die Geräte im Innern der Kugel zu kommen. Damit ist Publiclab nun auch in Fribourg mit Vandalismus konfrontiert. Die aufwändige Audio-Installation im Zürcher Ulmberg-Tunnel mussten Lutz und Kanai vorzeitig abbrechen, weil die Lautsprecher systematisch zerstört worden waren. (siehe unseren Vernissagen-Bericht vom 24. April dieses Jahres).

„In Fribourg ist die Situation eine andere“, meint Kanai und zeigt sich zuversichtlich: Hier handle es sich höchstwahrscheinlich nicht um Zerstörungswut wie im Ulmbergtunnel, sondern um einen simplen Diebstahlversuch. Weil die Fribourger Kunsthalle Fri-Art das Projekt warte und weil das Projekt die Bevölkerung direkt anspreche und einbeziehe, hofft Kanai, dass Vandalismus für den Rest der Ausstellung – sie ist bis Ende August verlängert – kein Problem mehr darstellt.

Die Hartnäckigkeit und die Unerschrockenheit, mit der Publiclab die medienkünstlerischen Möglichkeiten im öffentlichen Raum auslotet, ist bemerkenswert. Wer in Fribourg vorbeikommt, oder dort wohnt, sollte sich das neuste Experiment des Künstlerteams nicht entgehen lassen – zumal Fribourg, wo immer das Städtchen auf die Sarine blickt, sehr einnehmend ist. Und übrigens hat das verpönte Schönberg-Quartier den schönsten Abendsonnenschein von ganz Fribourg.



Publiziert von Admin Deutsch am 26.07.2007 16:09 in Hingehen


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