02.06.2007

Bedrohte Originale

Es ist schon ein Drama. Einerseits ist es so leicht geworden, Originale digital zu reproduzieren. Einmal mehr, wenn sie selbst bereits aus digitalen Daten bestehen. Dass die Kopien dann den Originalen nicht nur zum Verwechseln ähnlich sehen, sondern obendrein meist die gleichen oder gar dieselben Qualitäten bieten, freut zwar viele. Für manche ist das bekanntlich jedoch ein massives Problem.

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Um nicht zu sagen: Das Problem des Zeitalters digitaler Reproduzierbarkeit schlechthin. Dass über dieses Problem und mögliche Lösungen weidlich debattiert und geschrieben wird, ist natürlich ebenfalls nichts Neues.

 

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Und interessanter ist es eigentlich allemal, sich über konstruktive Lösungen Gedanken zu machen – darüber beispielsweise, wie sich das Auskommen von Autorinnen und Autoren sichern lässt, ohne deshalb gleich jegliches Kursieren von Kopien ihrer Werke im Netz von vornherein rechtlich zu unterbinden oder so zu limitieren, dass allein die Ökonomie über den Zugang zu kulturellen Produktionen entscheidet.

Klar, dass sich auch die Tageszeitungen, die unter der Konkurrenz im Netz angebotener Inhalte merklich leiden, in diesen Debatten engagieren. So erscheinen beispielsweise in der Süddeutschen Zeitung immer wieder lesenswerte Artikel zum Thema, die sich in diesem Fall wundererbarer Weise – tatsächlich keine Selbstverständlichkeit, da die SZ anders als etwa die NZZ kaum freien Zugriff auf die Inhalte ihrer Printausgabe bietet – auch online mitlesen bzw. aus dem Archiv fischen lassen.

Was die Folge der Beiträge interessant macht, ist nicht zuletzt die Vielstimmigkeit der Positionen: Auf Lawrence Lessigs Plädoyer für die Creative Commons im vergangenen Dezember etwa folgte ein Beitrag von Heribert Prantl, der unter der etwas rabiat tönenden Schlagzeile „Das Internet: Ende der Kultur“ versuchte, Verständnis für die Verwertungsgesellschaften zu wecken; kürzlich gab Adrian Kreye Einblick in „Die diebische Achse des Bösen„, wie sie von US-amerikanischer Seite in einer Studie skizziert wird, die alljährlich eine Liste der „Schurkenstaaten“ in Sachen Urheberrechtsvertsössen führt.
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Auf das eingangs angesprochene Grundproblem – die Tatsache nämlich, dass sich digital publizierte Werke verlustfrei kopieren und distribuieren lassen – und die hiermit verbundene Erkenntnis, dass sich ein Schutz des Originals schwerlich länger an dessen materialisierte Manifestation binden lässt, kommt nun auch der am 29.05.07 erschienene Beitrag von Joost Smiers zurück. Der niederländische Wissenschaftler, Leiter der Forschungsstelle für Kunst und Ökonomie an der Kunsthochschule Utrecht, hält zwar mit Kritik an Lessigs Konzept der Creative Commons nicht zurück – aber keineswegs, um stattdessen etwa ins Horn der DRM-Verfechter zu stossen.

Vielmehr wird unter dem schwungvollen Motto „Krieg den Palästen, Friede den Künstlern!“ für eine „Welt ohne Urheberrecht“ Partei ergriffen. Neben dessen Abschaffung fordert Smiers eine Zerschlagung der Monopole, die derzeit von der Kulturindustrie gehalten werden.

Was für den Moment vielleicht erst einmal nach Piraten-Parolen klingen mag, erweist sich als wohl bedachte Doppelsäule eines möglicherweise wirklich zukunftweisenden Modells für eine künftige Ökonomie digitaler Publikationen. Und ein solches tut wirklich not, wenn einerseits die Potentiale digitaler Medien und Netze wirklich dafür genutzt werden sollen, kulturelle Produktionen einem möglichst grossen Teil der Menschheit zugänglich zu machen – es andererseits aber durchaus ebenfalls erstrebenswert erscheint, den KulturproduzentInnen Schutz vor gnadenloser Ausbeutung ihrer Arbeit zu bieten. Und eben die Chance, von dieser (also der Arbeit, nicht der Ausbeutung ;)) zu leben.

Nur eines dürfte sich schwerlich retten lassen: Die Vorstellung von einem digitalen Original, das auch in ökonomischer Hinsicht als Goldenes Kalb funktioniert – zumal ersteres, denkt man an den allzuraschen Verfall von Datenträgern, die besten Überlebensschancen ohnehin hat, wenn es sich bezeiten kopieren lässt. Schon ein Drama, oder nicht?



Publiziert von Admin Deutsch am 02.06.2007 14:27 in Lesen


Keywords: [Gesellschaft] [Urheberrecht]


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