22.05.2007

Der Videoex-Experimentalfilm, einmal sozialistisch, einmal digital

Die diesjährige Videoex zeigte gestern abend ein Programm des maximalen Gegensatzes: Von 20 bis 21 Uhr neuste digitale Experimentalfilme aus Genf, von 22 Uhr bis nach Mitternacht dann fünf Experimentalfilme aus den 60er und 70er Jahren, und zwar aus dem Budapester Béla Balázs Studio, einem 1959/1961, mitten im Sozialismus gegründeten Film-Studio. Das Archiv dieses renommierten, aber etwas in Vergessenheit geratenen Experimentalfilm-Studios verfügt über mehr als 2000 Filme. Wenn nur ein Bruchteil dieser Filme so fantastisch ist wie diejenigen von gestern abend, dann steht fest: Die Videoex zeigt im Kunstraum Walcheturm Perlen aus einer riesigen Schatzkammer, nicht zuletzt auch eine Schatzkammer für den Vergleich zwischen einem Damals, den Zeiten des experimentellen Aufbruchs, und einem Heute, in dem die „Neuen“, die digitalen Medien, die Filmsprache beeinflussen.

Das Béla Balázs Studio war eine Talentschmiede des ungarischen Films, der berühmteste aus dem Studio hervorgegangene Regisseur ist der Oskar-Preisträger István Szabó (in seinem Fall hat sich das Studio freilich auch als Agenten-Schmiede erwiesen, hatte doch Szabó am Anfang seiner Karriere erhebliche Spitzeldienste geleistet). Der derzeit am meisten beachtete dieser Regisseure ist Béla Tarr. Tarr hat mit Kino-Filmen wie „Satanstango“ oder „The Man from London“ in den letzten Jahren Weltruhm erlangt. Gerade an Tarr kann man ermessen, wie viel Freiraum das Studio seinen Regisseuren liess. Und das führt zurück zum digitalen Film aus Genf und dem Bogen, den die Videoex gestern geschlagen hat: Was die Filme des Béla Balázs Studios mit den digitalen Filmen aus dem gegenwärtigen Genf verbindet, ist sicher der Mut, die Kühnheit zum Experiment, zum Tüfteln, zum Schabernack des Unerwarteten und Unerlaubten. Es ist faszinierend zu sehen, wie verschieden die Bildsprache und die Mittel von einst und heute sind – und wie sich die zwei Film-Generationen teilweise treffen in dieser Kühnheit, mit der scheinbar formale Regeln überschritten werden.
collectif-fact.jpgDie Wiederholung und die damit einhergehende Illusions-Brechung gehört ins Repertoire beider Generationen. Bei der Computer-Animation, beispielsweise in dem düster-schönen Beitrag „On Stage“ der Genfer Gruppe Collectif Fact, liegt die Wiederholung in der Natur der Sache. Denn bei einer Computeranimation setzt sich ein Film aus Einzelteilen zusammen, die als Einzelobjekte konstruiert werden. Diese ruhen auf der Festplatte des Computers, zeitentbunden, jderzeit abrufbar und laden so zur Wiederholung ein. Im ungarischen Film „Madarak“ wird auf der Tonspur die immer selbe Teil-Melodie wiederholt und ein Metronom-Ton radikalisiert diesen Exzess der Wiederholung noch. Wie das geht, ohne langweilig oder unerträglich zu werden, gehört zum künstlerischen Geheimnis dieses achtminütigen Films.

Zugleich aber zeigt sich auch eine tiefe Differenz: Wo einst – so jedenfalls der Eindruck, den die ungarischen Filme vermitteln – vorbehaltlos und ungestüm und voller Elan und Neugierde Neues ausprobiert wurde, dominiert heute eher Ironie und Distanz dem „scheinbar“ Neuen, insbesondere den digitalen Mitteln, gegenüber.

Das Ende der 60er Jahre gegründete Budapester Studio genoss eine gewisse Narrenfreiheit. Es gab keinen Aufführungszwang, ja oft zog es der Eigentümer des Studios, der realsozialistische ungarische Staat, vor, dass die politisch unzuverlässigen Filme nicht gezeigt wurden; ebenso wie die experimentellen Nouvelle-Vague-Filme aus Frankreich, von denen sich das Studio inspirieren liess. Sebestyén Kodolányi, der während aller Filmvorführungen persönlich anwesende Direktor des Studios, hat für Videoex ein Programm zusammengestellt, das er vor der Vorführung jeweils kurz kommentiert. Bis zum Ende des Festivals am nächsten Sonntag gibt es noch sechs Mal die Gelegenheit, eine der Filmreihen aus dem Budapester Studio zu sehen – die übrigens nicht nur durch formale Experimentier- und Denklust, sondern durchaus auch durch viel Leiden(schaft) und dann wieder Humor, mal schlüpfrig, dann zärtlich und dann wieder richtig rabenschwarz, zu fesseln vermögen.



Publiziert von Admin Deutsch am 22.05.2007 01:22 in Hingehen


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