24.04.2007

Im Zürcher Ulmbergtunnel spukt es Dichtung

Seit ein paar Tagen ist die jüngste Intervention von Anna Kanai und Tian Lutz im Zürcher Stadtraum in Betrieb: die Audio-Installation walk through in der Fussgänger-Passage zwischen Wiedikon und Enge. Noch ist die Dichtkunst aus den insgesamt 34 Lautsprechern, die Kanai und Lutz über die ganze Länge der Fussgänger-Passage installiert haben, kaum verständlich. Ab 9. Mai wird die fulminante Zürcher Rapperin BIG ZIS zu hören – und hoffentlich dann auch zu verstehen sein. Die Vernissage letzte Woche verwandelte den sich durch konsequente Tristesse auszeichnenden Tunnel, nicht zuletzt dank Talent und Charme des Gastredners Beat Sterchi in einen Ort temporären Glücks.


DSCF0028.JPGDie Vernissage-Gäste vom Freitag letzter Woche stehen am einen Anfang des Tunnels, zur Enge-Seite hin. Während der Tunnel normalerweise ganz glatt und linear verläuft, ist nun eine Tür geöffnet.Solche Türen zu öffnen scheint die Spezialität des Künstlerteams publiclab zu sein. Denn auch unter der Zürcher Dreikönigsbrücke, vom Ulmbergtunnel nur fünf Gehminuten entfernt, gibt es eine ganz ähnliche Eisentüre, die normalerweise verschlossen ist, durch die für dieses Jahr publiclab aber ein und aus geht und den Raum dahinter als Depot benützt: Denn unter der Dreikönigsbrücke betreibt publiclab das ganze Jahr 2007 hindurch den Video- und Medienkunst-Ausstellungsraum Videotank. Im Ulmbergtunnel führt die Eisentüre zu einer Art Paralleltunnel, der die ganze Länge der Passage entlangführt.DSCF0023.JPGDas schönste an dieser Arbeit, so Anna Kanai, als sie endlich Zeit für zum Anstossen mit den Gästen findet, sei das Heimischwerden während der Vorbereitungsarbeit. Zu Beginn der Arbeit sei alles noch ganz abweisend, doch mit der Zeit werde der Ort vertraut. Eine Leiter steht noch herum, bis zum letzten Moment wurde geschraubt, denn 34 Lautsprecher in einer Nacht in eine Wand montieren und zum Tönen bringen, ist ein kleines medientechnisches Handwerks-Kunstück für sich, wofür Kanai und Lutz der Medienkünstler und Techniker Flo Kaufmann zur Seite steht. DSCF0021.JPGAls Tian Lutz für den Gastredner, den Schweizer Schriftsteller Beat Sterchi, die Anlage abstellt, lässt sich erst zwischen dem Gemurmel aus den Lautsprechern und demjenigen der Vernissage-Gäste unterscheiden. Während Sterchis Rede flitzen zwischen den Vernissage-Gäste unentwegt die Fahrrad-Fahrer durch, oder, je nach Naturell, steigen sie rücksichtsvoll ab und schieben höflich das Velo durch die kleine Menge. Diejenigen, die solche Passagen bauen würden, seien nicht diejenigen, die sie dann benützten, ist Sterchis einleitende Feststellung. Es sei ein Tunnel und in der Literatur sei dies eine sehr prominente Metapher, Dürrenmatt, Hermann Burgers „Künstliche Mutter“, immer stünde der Tunnel für das Unmenschliche und Unwirtliche.DSCF0025.JPG Die Sprache hingegen sei das Menschlichste überhaupt. Diese Sprache brächten die Künstler Anna Kanai und Tian Lutz hier in diesen Tunnel, sie würden also die Metapher der Literatur, die Metapher des Tunnels als das Unmenschliche, gerade umkehren. Kanai und Lutz würden, so das Fazit des Berner Dichters, damit korrigieren, was die Architektur „gebosget“ habe.DSCF0026.JPG
Fünf Tage nach der Vernissage hängen alle Lautsprecher unversehrt, nur bei einem liegt zerschlagenes Porzellan am Boden. Auch wenn man ganz alleine im Tunnel ist, lässt sich kaum etwas verstehen – doch nun zeigt sich fast besser als am Vernissagen-Abend, wie eigentümlich der durch seine Fluchtlinien halb metaphysische Ort an sich ist und wie die temporäre audiotechnische Verwandlung diese Eigentümlichkeit betont: Es ist den Künstlern hoch anzurechnen, dass die grausame Lakonie dieses „Raumes“ visuell nicht beeinträchtigt wird, fast im Gegenteil. Auch wenn die Künstler das technische Problem der Akustik bis zum Schluss der Installation, dem 30. Juni, nicht richtig sollten lösen können – und es könnte unlösbar sein: Ein Augenschein, kombiniert mit dem akustischen Eindruck, lohnt sich trotzdem.



Publiziert von Admin Deutsch am 24.04.2007 23:01 in Hingehen


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