12.03.2007

„Flickering Subjects“ im hirnersäufenden Monumentalgemurmel des Netzes

Die Kunstfigur SIS.TM (sprich: „System“) lebt in Zürich, ist sehr eloquent am Telefon und äusserst freundlich per E-Mail, ansonsten aber für den Schreiber general stumm nur erst ein Phantom. Sein eben erschienenes Buch „Flickering Subjects“ hingegen ist greifbar und versammelt Text-Zitate aus Weblogs. general stumm rät: Auch tatsächlich zugreifen, es handelt sich um eine kleine Perle der Netzkultur.

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sis.jpgDenn es ist eine Saga, dass Netzgänger das Buch abschaffen wollen, es ist höchstens so, dass sie nicht mehr zum Lesen von Büchern kommen.Der Autor von „Flickering Subjects“ hingegen versteht auch etwas von Büchern. Das merkt man daran, dass er mit dem Format spielt. So sind die Buchseiten nicht nummeriert und da die Blätter nur einseitige bedruckt sind, könnte man die einzelnen Seiten wieder aus der linearen Ordnung herausnehmen und in das chaotische Durcheinander des Netzes zurückversetzen. Wie ein Minenarbeiter hat SIS.TM Text-Brocken aus dem unwegsamen Netzmassiv herausgeschlagen und bringt sie in eine eigene zahlenlose Ordnung. Durch seine Beobachter- und Sammlertätigkeit wird die gewalttätige Unübersichtlichkeit der Blogwelt, dieses hirnersäufende Monumentalgemurmel, überhaupt wahrnehmbar und sogar ganz liebenswert.
Wobei man etwas Sinn haben muss für das Noch-Nicht-Perfekte. Denn das im Eigenverlag herausgegebene Buch (ISBN 3-033-01005-9) hat ein paar charmante Fehler, plötzlich eine weisse Seite oder dann nichts als die Frage „Seite 49?“, wo es doch gerade nicht nummeriert ist – eine unfreiwillige Reminiszenz an das Buch der Bücher, an Laurence Sternes „Tristram Shandy“, in dem mitunter eine Seite ganz schwarz eingefärbt sein kann? SIS.TM steht übrigens in Verhandlung mit einem Verlag, „Flickering Subjects“ wird demnächst in einer dann wohl perfekten und erweiterten Form wieder aufgelegt.

Man nehme das Buch also zur Hand, strecke sich auf einer schönen Couch aus, ein Glas Wein gehört dazu, und dann höre man hin, auf diese so liebevoll jeweils auf eine Seite gebannten Stimmen, die sofort Rührung und Respekt aufkommen lassen, denn könnten wir nicht alle schreiben:
I was invited to a dinner. But at some point, I decided that
I didn’t want to got. What I really wanted to do was to go home
and be sad.
oder
When have I ever had do define my sexuality?
oder
I’m not even sure making sense right now.
.



Publiziert von Admin Deutsch am 12.03.2007 09:37 in Lesen




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