23.02.2007

Wenn die Medientheorie mit der Heilsarmee

heilsarmee.gifVom Kollegen Sternenjäger erfahren wir das diesjährige Thema der images.jpegLüneburger Konferenz „Hyperkult“: Welche Visionen der Computer in den 90er Jahren hervorgebracht hat. Unser Lieblingsbeitrag für die Tagung stünde fest, wäre er nicht gerade die Verkehrung des verdienstvollen und aktuellen Themas, nämlich die Anti-Vision der 90er Jahre schlechthin: Oder haben wir damals jemals daran gedacht und uns ausmalen wollen, dass alles, aber auch alles irgendwann im Brockenhaus endet?


Betritt man als moderner Mensch und erst noch als Liebhaber der Medienwelt das „Brocki“ der Heilsarmee an der Zürcher Geroldstrasse, weiss man, dass man sich gerade in diesem Moment am Dienst an der Zukunft versündigt – oder von ihm erholt, wie man’s nimmt. Wie sehr man sich vom Ideenwust der 90er Jahre auch aufwühlen und den Kopf hat verdrehen lassen, betritt man das Lagergebäude, werden alle Visionen von körperlosen Welten und horizontsprengenden Fortschritten gegenstandslos. Hier herrscht die Dingwelt, wie sie immer war, und gibt das durch einen unverkennbaren Staubgeruch, aber auch die friedlichen Geräusche kund, welche von unzähligen wühlenden Händen und von treppauf und treppab eilenden Füssen verursacht werden. Nun, man ist ja nicht wehleidig und nimmt dieses „Als wäre nichts geschehen“ der unverwüstlichen Institution eben hin. Doch dann auf einem Notenständer neben einem Führer durch Schweizer Kirchen und einem Blumenbestimmungs-Buch liebevoll arrangiert den „Datendandy“ der Agentur Bilwet zu entdecken, das kann medientheoretisch verfeinerte Nerven schon angreifen. Denn verrückter, visionärer und vor allem: zukunftssüchtiger als die holländische Agentur Bilwet konnte man in den 90er Jahren Medientheorie nicht betreiben. Die Agentur, der so namhafte Medienaktivisten wie Geert Lovink angehörten, ist aus der holländischen Hausbesetzer-Szene hervorgegangen, hat sich dann mit Haut und Haar dem Netz verschrieben, die in Medienaktivisten- und Kunstkreisen zentrale Mailingliste „Nettime“ massgeblich geprägt und 1994, als Obulus an den noch nicht vernetzten Rest der Menschheit, den „Datendandy“ herausgegeben. Aber natürlich wäre beim Anblick des Buches nicht Schrecken, sondern Dankbarkeit am Platz gewesen, denn jemand hat dem unscheinbaren Band schliesslich die Ehre einer gesonderten Präsentation erwiesen. Die Heilsarmee hat uns zwar das Erlebnis der ultimativen Anti-Vision eingebrockt, dies aber, wohl unverdient wie immer, in aller Liebe.



Publiziert von Admin Deutsch am 23.02.2007 00:28 in Nachdenken




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