19.12.2006

The empire strikes back: Die Kunsthistorie und das Medium Internet

In der letzten Wochenend-Ausgabe der NZZ wird der Basler Kunsthistoriker Axel Christoph Gampp grundsätzlich: Wie neu ist die „Ästhetik des Mediums Internet“? Kann alleine die „Neuheit“ des Mediums Internet dafür garantieren, „auch ästhetisch zu neuen Erfahrungen zu gelangen“? Die Frage ist natürlich rhetorisch und die Antwort des Kunsthistorikers voraussehbar. Doch von was spricht unser „Alles-schon-gehabt-Mann“ vom Rhein eigentlich?


Das Fallbeispiel, an dem Gampp seine Frage abhandelt, ist das Werk „Vue des Alpes“ von Monica Studer und Christoph van den Berg. Diese bilden aber eine Ausnahme unter den Künstlern, welche in den 90er Jahren mit dem Computer zu arbeiten begonnen haben: Denn Studer/van den Berg bringen Bilder und Bildwelten hervor, die nicht nur, aber durchaus auch als Bilder gewertet werden sollen. Gampp stellt ihre Arbeit in den Kontext der Bild-Tradition, als sei unter Kunst nichts anderes denkbar, und ignoriert den bilderstürmerischen netzkünstlerischen Kontext – und wundert sich, dass er im sensiblen, ganz sachte Altes und Neues verbindenden Werk Studer/van den Bergs nichts Wegweisendes zu erkennen vermag.
Die meisten Künstler der 90er Jahre sind Bilderstürmer gewesen. Man verweigerte sich, inspiriert von den noch unerprobten digitalen Telekommunikationsmitteln, dem Kunstmarkt und seiner Gier nach handelbaren Objekten und begab sich, im Falle der sich als Aktiengesellschaft gebärdenden Netzkunstgruppe etoy beispielsweise auch durchaus augenzwinkernd, neu auf die Suche nach alternativen Kommunikations- und Kunstformen. Zu diesem Akt der Rebellion kann man sich stellen, wie man will, ignorieren sollte man ihn nicht. Genau das tut aber Gampp, wenn er sich erheischt, am Fallbeispiel „Vue des Alpes“ gleich eine ganze Generation respektive den ästhetischen Valeur des „Mediums Internet“ besprechen zu können.
Gampp legt dar, das eine oder andere Prezios aus seinem kunsthistorischen Schatzkästlein ziehend, dass Studer/van den Bergs ästhetische Techniken schon da gewesen sind, und versteht dabei unter „Ästhetik“ schlicht Bildästhetik. Doch die „Neuheit“ des Mediums Internet, wenn es denn auf Neuheit unbedingt ankommen soll, ist eine avantgardistische. Sich der so geschäftstauglichen Bilderproduktion auf „neue“ Art und Weise verweigert zu haben, ist ein massgebendes Charakteristikum dieser Generation. Das Phänomen der „Vernetzung“, wenn denn ein Schlagwort herhalten soll, bildete den Ausgangspunkt für die damalige Suche nach „neuen“ Möglichkeiten, der Kommunikation und der Kunst. Von diesem radikalen Avantgardismus sind Studer/van den Berg relativ weit entfernt, gerade weil man bei ihnen noch von einer Art Primat des Bildes sprechen kann. Und doch eigentlich zum Glück für die Kunsthistorie, könnte sie doch Studer/van den Bergs Werk als subtile Vermittlerin in das verstehen, was für sie offenbar wirklich noch Neuland ist.
Natürlich ist der Text von Axel Christoph Gampps trotz der hier versuchten Kritik äusserst lesenswert, hier der Link: „Wie ein anderer Gott, Ästhetik und Erfindung in den Werken des Künstlerduos Monica Studer und Christoph van den Berg, erschienen in der NZZ-Beilage „Literatur und Kunst“ vom 16./17. Dezember 2006.



Publiziert von Admin Deutsch am 19.12.2006 09:50 in Nachdenken


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