12.08.2006

Postmoderne, Mediengeschichte und anderes von Jochen Hörisch

theorie-apo.jpg Nicht alles, was hier geschrieben wird, braucht im Sinn des klassischen Journalismus einen so genannten Aufhänger oder Buchsenöffner. Ein Blog wie dieses soll auch einfach zufällig gefundenen Gedanken – philosophische „objet trouvés“ – versammeln und weitergeben. In diesem Sinn ist der nachfolgende Beitrag zu verstehen. Es ist eine kleine Hommage an den 1951 geborenen und heute in Mannheim lehrenden Kulturwissenschafter Jochen Hörisch. Für mich schlicht eine der originellsten Stimmen der Gegenwart. Zwei Auszüge aus zwei unterschiedlichen Werken sollen dies belegen:


„Theorie-Apotheke“ nennt sich eine der neusten Publikationen des Mannheimer Kulturwissenschafters. Es ist „Eine Handreichung zu den humanwissenschaftlichen Theorien der letzten fünfzig Jahren, einschliesslich ihrer Risiken und Nebenwirkungen“. Das Buch ist einerseits eine wahre Wohltat für alle, die mit diesen Begriffen nicht bis ins Letzte vertraut sind, egal ob es jetzt um den Konstruktivismus, um Systemtheorie oder um den Iconic Turn geht. Und auch wenn die Artikel äusserst knapp sind – wohltuend knapp möchte man ergänzen – sind sie nie salopp und desavouieren weder Theorien noch (Vor)Denker. Einen besonders schönen Satz habe ich dort zum Stich- udn Reizwort Postmoderne gefunden.
„Die Gereiztheit der Diskussion um die Postmoderne dürfte auch Stellvertreterqualitäten haben. Sie reagiert auf die atemberaubende Geschwindigkeit, mit der sich postmoderne Befreiungen von alten Grenzziehungen eingestellt haben. Man muss sich immer wieder klarmachen, welch jungen Datums elementare Revolutionen des Alltagslebens in westlichen Breiten sind: die sexuelle Revolution, die Popmusik, der Feminismus, die Computertechnologie, die Entwicklung zur Massenuniversität, die Mulltimediengesellschaft, der halbwegs gelebte Multikulturalismus, die Political-Correctness-Bewegung oder die Emanzipation von Minoritäten aller Art. Das zwölf Jahre zu lang währende Tausendjährige Reich ist gerade mal vor sechzig Jahren untergegangen.“
(Jochen Hörisch. Theorie-Apotheke. Frankfurt 2005. Eichborn Verlag. S. 221)
Und wer jetzt nicht genug hat mag weiterlesen – ein anderes Lieblingsbuch von mir ist die Mediengeschichte desselben Autors. Titel und Anfang sprechen für sich:
„Am Anfang war der Sound. Und dieser Sound war so ungeheur, dass wir noch heute sein Echo hören. Das konstante Rauschen, das noch von einem postmodernen Ohr, so es nicht durch Dauersoundproduktion ruiniert wurde, selbst am einsamsten Ort in der stillsten Winternacht zu vernehmen ist, erklären Astrophysiker als Nachhall des Urknalls….vor etwa 12 Milliarden Jahren fing „alles mit einem ungeheuren Getöse an, das sich erst in Jahrmillionen zu dem formte, was Ästheten gerne als „Sphärenharmonie“ oder „Sphärenmusik“ charakterisieren.“
(Jochen Hörisch. Jochen Hörisch: Eine Geschichte der Medien. Von der Oblate zum Internet. Frankfurt 2005. Suhrkamp. S.23) .
Einen schönen Text von Jochen Hörisch „Die Heilsversprechen der Neuen Medien“ kann via den Beitrag aus dem Sternenjäger-Blog heruntergeladen werden.



Publiziert von Dominik Landwehr am 12.08.2006 10:41 in Nachdenken


Keywords: [Gesellschaft] [Mediengeschichte]


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