28.06.2006

Google ist mächtig, Europa dafür politisch korrekt, wie schön!

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Dass Google sich zum neuen Nadelöhr unserer Wissensgesellschaft aufschwingt, ist zwar nicht Googles Schuld, sondern den technischen Funktionsweisen des Internets geschuldet. Doch das ändert an der noch kaum verstandenen und abgründigen intellektuell-maschinellen Vormacht Google oder etwaiger Nachfolger nichts.


Diesen Frühling hatte der Zürcher Kolumnist Giorgio Girardet (Nebelspalter) Marie-Christine Doffey, die Direktorin der Landesbibliothek, im Kulturteil der Basler Zeitung zum Thema Google interviewt: Wie reagiert die Landesbibliothek auf die Herausforderung „Google“, lautete Girardets Eingangsfrage. Doffey reagierte politisch korrekt: Sie distanzierte sich erst einmal von Jean-Noël Jeanneney. Dieser, seit 2002 Präsident der Französischen Nationalbibliothek, hatte am 24. Januar 2005, mit dem Aufsatz „Googles Herausforderung an Europa“ auf Googles Ankündigung reagiert, rund 15 Millionen Bücher zu digitalisieren. Mittlerweile ist daraus ein
Buch geworden, das seit Februar dieses Jahres auch als Taschenbuch vom Wagenbach-Verlag in deutscher Übersetzung herausgegeben wird. Darin plädiert Jeanneney für eine „europäische Bibliothek“; mit einem eigenen Digitalisierungsprojekt soll Europa den Plänen der kalifornischen Firma Paroli bieten. Seine Schweizer Kollegin Doffey bezeichnet diese Position als „manichäistisch“ und steht mit dieser Distanzierung nicht allein. Auch NZZ-Kulturkorrespondent Joachim Günther äusserte sich kürzlich kritisch zu Jeanneneys Position, die er als intellektuell dürftig kritisierte. Könnte sich Doffeys wie Günthers politische Korrektheit – denn wann ist es nicht korrekt, Amerika-Kritik als manichäisch und intellektuell dürftig zu brandmarken? – vielleicht nicht nur, aber auch der Unterschätzung des Problems Google verdanken? Dass Google sich zum neuen Nadelöhr unserer Wissensgesellschaft aufschwingt, ist zwar nicht Googles Schuld, sondern den technischen Funktionsweisen des Internets geschuldet. Doch das ändert an der noch kaum verstandenen und abgründigen intellektuell-maschinellen Vormacht Google oder etwaiger Nachfolger nichts. Diese zu verstehen könnte generalstabsmässig dringlicher sein, als dem Evergreen des politisch Korrekten zu frönen.



Publiziert von Admin Deutsch am 28.06.2006 18:45 in Nachdenken


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